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Paradies zwischen den Fronten
Von Rudolf Lorenzen
 
Auszug aus der Reportage: Paradies zwischen den Fronten - Zwölf Hektar machen Geschichte (1971)

Sommer 1971. Der Senat von Berlin und die Regierung der DDR vereinbaren – in Übereinstimmung mit den vier Besatzungsmächten – an ihren Grenzen kleine Randgebiete, „Exklaven“ und „Enklaven“, auszutauschen: Fünf Geländestreifen mit 15,6 Hektar sollen der DDR, drei etwas größere mit 17,1 Hektar dem Land West-Berlin zugeschlagen werden – alles unbewohnte Grundstücke. In den Rahmen dieser Gebietskorrektur fällt auch ein „Korridor“ von 1 km Länge zwischen dem Zehlendorfer Ortsteil Kohlhasenbrück und West-Berlins Exklave Steinstücken. Nach fünfundzwanzig Jahren Isolierung bekommt diese kleine Gemeinde nun endlich ihren freien unkontrollierten Zugang. 4. Juni 1972. Der Vertrag tritt in Kraft. Sofort beginnt der Senat mit dem Ausbau dieser Passage, keine 13 Wochen dauert die Arbeit. Bevor der Sommer zuende geht, wird die Straße dem Verkehr übergeben.
Ein Besuch der sonderbaren Gemeinde Steinstücken kurz vor ihrem „Anschluß“.
In den Gärten blühen Tigerlilien und Rittersporn. Hinter Gestrüpp schlafen spitzgieblige einstöckige Häuser, die buntbemalten Fensterläden sind geschlossen. Eine alte Frau, in Decken gewickelt, träumt zwischen Gemüsebeeten, von Katzen umspielt.
Es ist Mittag.
Die Bernhard-Beyer-Straße ist ausgestorben. An der Nebenstelle des Bezirksamts Zehlendorf fordert ein Aushang die Einwohner auf, die Kinder von den Absperrketten fernzuhalten. Die Höchstgeschwindigkeit von 20 km/std darf im Ort nicht überschritten werden. Die Säuglingsfürsorge fällt in diesem Monat aus. In Zehlendorf ist Kurkonzert.
Die Seitenwege, die Wege rings um das Dorf, die Verbindungen von Haus zu Haus haben die Bewohner selbst gebaut. Eines Tages vor elf Jahren nahm man ihnen die Randstraßen fort: Die Steinstraße, die Teltower, die Rote-Kreuz-Straße. Stacheldraht wurde bis an den Privatbesitz vorgeschoben, da blieb nur die Selbsthilfe. Jeder gab ein Stück eigenen Bodens ab, gemeinsam legte man Pfade zwischen den Gärten an – jeweils vier Meter breit, in einer Gesamtlänge von 500 Metern.
Wir sind in der Exklave Steinstücken, sind in dem mittlerweile berühmt gewordenen Ort, der, abgetrennt von West-Berlin, 25 Jahre lang sein separates Leben führte mit eigener Gesetzlichkeit und Moral, eigenem Mit- und Gegeneinander, eigenen Gefahren und die Gewöhnung an die Gefahren, mit insularer Politik zwischen den Fronten von Ost und West – ein kleiner Fleck, insgesamt 12 ha 67 ar groß, voller Gärten und Wiesen, Beeten, Hecken und Bäumen, an der engsten Stelle 200 Meter, an der ausgedehntesten 600 Meter breit: In unruhigen Tagen Krisenherd der Weltgeschichte, in ruhigen Tagen Idylle inmitten paradiesischer Abgeschiedenheit.
1947 wurde das Dorf Steinstücken zum „Fall Steinstücken“. Die dem US-Sektor zugeordnete Exklave sollte an den Bezirk Potsdam abgetreten werden, schon gab die Sowjetische Zone Raucher- und Seifenkarten aus, worauf sich die Gegenseite beeilte, die Sonderzuteilungen der Westsektoren zu streichen. Die Bewohner protestierten, doch der Zehlendorfer Bürgermeister verweigerte sich ihnen, das Berliner Stadtparlament erklärte sich als nicht zuständig, und die US-Militärregierung überhörte den Appell.
Vier Jahre lavierte sich der Ort so durch, dann bereitete die frisch etablierte Deutsche Demokratische Republik dem „unnatürlichen Zustand“ ein gewaltsames Ende.
Es ist ein Tag im Oktober 1951. Über Steinstücken liegt eine unheimliche Stille, die Bewohner bleiben in ihren Häusern. Auf der Dorfwiese lagern zwischen Geschützen und Munitionskästen Soldaten der Roten Armee. Am Orensteinweg klebt an der Wand noch eine westliche Zigarettenreklame, daneben hängt schon die „Bekanntmachung des Rates der Stadt Potsdam“. Westberliner Gesetze verlieren ihre Gültigkeit. Die Mark (Ost) wird Zahlungsmittel. Zuteilungen für Kohlen gibt es in der Grundschule, Straße 34 in Potsdam.
Plötzlich ist auch die Telefonverbindung mit dem Westen unterbrochen, und dem Landbriefträger aus Kohlhasenbrück wird die Zustellung der Post verweigert. Beauftragte der Landesregierung Brandenburg kommen und verkünden dem Dorf die Befreiung. Doch die Bewohner lehnen es demonstrativ ab, bei der Aufklärungsversammlung zu erscheinen.
Obgleich es ein milder Oktober ist, tragen die patrouillierenden Volkspolizisten bereits die Winteruniform. Am Rande des Kiefernwaldes steht ein Lastwagen mit Anhänger: ein Fliegender HO-Laden, mit roten Spruchbändern geschmückt, bietet Schnaps und Kartoffeln an. Aus den Sowjetquartieren am S-Bahnhof Griebnitzsee hört man leise russische Volksmusik.
US-Stadtkommandant Mathewson bezeichnet den Überfall auf die Exklave als Willkürakt, als Verletzung des „44er Abkommens der Europäischen Beratungskommission“, doch wird es noch zehn Jahre dauern, bis sich die USA wieder an ihre Rechte erinnern werden.
Sechs Tage dauert die Besetzung, dann ziehen die Soldaten nach einem unerklärlichen Befehl der Sowjetischen Kontrollkommission ab. In West-Berlin jubelt der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter: „... wieder ein Sieg des Mutes und der Entschlossenheit gegen den Kommunismus!“
Doch der Jubel ist kurz. Gleich am nächsten Tag sind die Volkspolizisten wieder da, umstellen die drei Mann des frisch aus Zehlendorf eingetroffenen Landpostens der Berliner Polizei, verhaften einen Reporter und einen Fotografen.
Ein kurzer Zwischenfall, andere werden folgen.
In den Jahren danach wird Steinstücken nicht zur Ruhe kommen: Blockaden, Belagerungen und Hausdurchsuchungen lösen einander ab. Die einzige Zufahrt, fest in den Händen der DDR, wird mal mit Baumstämmen, dann wieder mit Eisenschienen und Feldsteinen gesperrt. Versorgungsgüter können nur mit Fahrrädern und Handkarren transportiert werden.
Der Landposten der Zehlendorfer Polizei darf nicht mehr bis zum Waldrand patrouillieren.
Die Volkspolizei fordert Passierscheine, Handwerkern wird der Zugang verweigert, nun auch dem einzigen Milchhändler.
Wieder wird ein Briefträger festgenommen.
(...)