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In Cuxhaven
Von Knud Kohr
 
(...)

„So, nun hab ich keine Lust mehr!“
Der Schaffner mit dem dünnen grauen Haarkranz blieb mitten im Waggon stehen. Steckte die Entwerterzange in die Brusttasche und schaute sich provozierend um. Als keiner der Reisenden auch nur den Kopf hob, verzog er sich hinter die nächste Glastür und starrte raus in die Landschaft. Schlechtes Publikum heute. Er verfolgte das Bild eines Klärwerks, das in der Sonne vor sich hin reflektierte, mit den Augen. Es war bald außer Sichtweite. Dann setzten die Bremsgeräusche ein.
Ich hatte auch nicht auf den Schaffner reagiert. Trotzdem imponierte mir seine Beständigkeit. Vor 23 Jahren war ich zum letzten Mal mit diesem Zug zur Schule gefahren. Jetzt war ich 42, und der Mann machte noch immer denselben Witz.
Draußen eilten ein paar Klinkerhäuschen vorbei, als schämten sie sich wegen ihrer Lage direkt an den Gleisen. Oder wegen ihrer ungepflegten Gärten. Dann, langsamer, kamen die Hafenanlagen ins Bild. Mächtige Hallen, die mit hochgezogenen Schultern stoisch ihren beißenden Fischgeruch verströmten. Ein Verladekran drehte sich dem Zug entgegen und starrte misstrauisch. Zum Schluss das Bahnhofsgebäude. Die Lok ächzte und kam zum Stehen.
Cuxhaven Hauptbahnhof. Als ob diese Stadt jemals einen zweiten Bahnhof gehabt hätte.
Die letzte Stufe vom Waggon zum Bahnsteig war ziemlich hoch. Zumindest für jemanden, der auf dem Rücken einen kleinen Rucksack, in der linken Hand einen Rollkoffer und in der rechten Hand einen Stock trägt. Es klappte, ohne Sturz, nur mit ein bisschen Wackeln. Und einem ungelenken Ausfallschritt. Zwei Leute am Bahnsteig schauten mich besorgt an, doch das war ich mittlerweile gewöhnt.
Der Bahnhof hatte sich kaum geändert in den letzten zwei Jahrzehnten. Immer noch der alte, aus dunkelroten Klinkern gebaute Sackbahnhof. Ein- und Ausfahrt in dieselbe Richtung. Einen Kilometer hinter der Vordertür wartete die Nordsee.
Ich wuchtete meinen Rollkoffer bis zum Hintereingang der kleinen Halle. Weil ich Hunger hatte, ließ ich mir am Crobag-Stand ein frisch aufgeblasenes Croissant mit Ziegenkäse und einen Espresso Macchiato geben. Soweit, dass man sich nicht mehr mit belegten Brötchen und Filterkaffee sättigen musste, war man in Cuxhaven auch schon. Die Verkäuferin hinter dem Tresen sah aus wie ein Männertraum nach DIN-Norm. Anfang Zwanzig, blond, blauäugig. Anscheinend von ihrem Job genervt. Nachdem sie mir das Croissant gegeben hatte, verschränkte sie die Arme, so dass ihre Brüste entspannt darauf ruhen konnten. Als in mir die Frage aufkam, wie ihre Beine wohl aussahen, rief ich mich zur Ordnung. Vor sechs Stunden war ich zu Hause aufgebrochen, sexueller Notstand konnte beim besten Willen noch nicht herrschen. Wahrscheinlich versuchte ich einfach, meine Nervosität vor mir zu verstecken.
Der Zeitungskiosk hieß jetzt „Presseshop“, und aus der chrom- und glasglänzenden Bezahltoilette daneben, die das alte Bahnhofsklo ersetzt hatte, roch es abstoßend frisch nach Fichtennadelspray.
Da ich meiner Familie am Telefon nur vage erzählt hatte, dass ich irgendwann mal vorbei schauen würde, holte mich niemand ab. Mein Vater war ohnehin gerade wieder im Ausland, meine Schwester lebte mit Mann und Kindern einige Städtchen von hier entfernt. Außerdem hatte sie vor einigen Monaten wieder zu arbeiten begonnen, so dass sie jetzt…
„Das kann doch nicht wahr sein!“ Ein verhaltener Schrei riss mich aus meinen Überlegungen. Am Schalter stand ein ungefähr 30jähriger Mann mit Rucksack und schäumte vor Wut. „Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, von hier nach Hasenfleth zu kommen. Das sind doch nicht mal 40 Kilometer!“
Höflich schaute der Beamte noch einmal in seinen Computer. Klar, nach Hasenfleth war es nicht weit. Aber drei Dutzend Kilometer durch die Norddeutsche Tiefebene können ohne Auto leicht zu einer Tagesreise werden. Bevor der Mann weiter schimpfen konnte, schmiss ich den Rest des Croissants in den Mülleimer und ging über die kleine Treppe auf den Bahnhofsvorplatz. Ein Blick genügte, um ein Taxi anzulocken. „Taxi?“, fragte der Fahrer durchs offene Fenster. Er öffnete mir gleich die Vordertür und sprang aus dem Wagen, um mir das Gepäck abzunehmen. Auch daran hatte ich mich mittlerweile gewöhnt.
„Hotel Stadt Cuxhaven“, sagte ich, als ich mich im Innenraum verstaut hatte. Das war nur wenige hundert Meter entfernt, ich hätte die Strecke auch laufen können.
Aber ich wollte jetzt nicht durch Zufall irgendeinen alten Schulfreund treffen, an dessen Namen ich mich nicht erinnern konnte. Und ich wollte mich nicht vor jedem zweiten Gebäude von Erinnerungen überwältigen lassen. Ich brauchte ein Bett, auf dem ich in Ruhe die Entkrampfungscreme in mein rechtes Bein einmassieren konnte.
In meinem Rucksack lag eine Karte für das nächste Heimspiel von Werder Bremen. Das Zimmer hatte ich für einige Nächte gebucht. Es gab also genug Zeit zum Überlegen, wann ich den Besuch machen würde, für den ich hier war.

(...)