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Die letzten Tage der Ceausescus
Von Milo Rau
 
MILO RAU
DU CÔTÉ DE CHEZ CEAUSESCU
Eine Geschichtsbesichtigung

„Wollen Sie die Wahrheit kennen?“
General Victor Stanculescu

1.
Das Anstrengende, nein: das Faszinierende an der Geschichte ist ihre Selbständigkeit. Wie eine Ziehharmonika faltet sie sich über die Jahre auf, und wenn wir glauben, sie ganz verstanden zu haben, faltet sich die Ziehharmonika wieder zusammen und lässt Töne hören, auf die wir nicht vorbereitet waren. Wo vorher ein Bild war, schön umgrenzt und auratisch, haben wir auf einmal nur noch Blickpunkte, nur noch Erzählungen und Erinnerungen. Die Geschichte ist eine Schlange, sie kriecht vorwärts, in die Zukunft. Was sie zurücklässt, sind bloss Häute, Bilder, leere Hüllen, bewohnt von redseligen Ameisen. Doch lassen wir diese Metaphern beiseite und fangen wir am Anfang an: bei den Bildern.
Meine Recherchen zu „Die letzten Tage der Ceausescus“ begannen am zweiten Weihnachtstag 1989, als das Jahr der europäischen Gefühle zu Ende ging. Die ganze Wende lang war ich vor dem Fernseher gesessen, ein neunmalkluges Kind, das einen Eistee in der Hand hielt und sich Notizen machte. Ich sah Reagan, Genscher, Kohl, ich sah die stolze polnische Gewerkschaftsbewegung, ich sah die Feuerwerke und Wagenkolonnen, ich sah die Mauer fallen und die Westdeutschen ihre Ostverwandten mit germanischer Jovialität in die Arme schliessen. Täglich erfuhr ich von neuen Völkern, die wie die Kaninchen aus dem Hut des sowjetischen Imperiums erschienen – Weissrussen, Esten, Georgier, Banaten, Tschetschenen, Ukrainer. Wie ein Gesang lag die sanfte Stimme Gorbatschows über dieser Zeit, die Wörter „Perestroika“ und „Glasnost“ standen gleichsam als Wasserzeichen am Himmel, und einige, die diesen grossartigen Abstraktionen Glauben zu schenken beschlossen hatten, sprachen bereits vom Ende der Geschichte.
Dann, am 26. Dezember, wurde der Prozess gegen die Ceausescus ausgestrahlt. Die Bilder prägten sich mir ein, wie sich mir später nur noch der Fall der Türme einprägen sollte: zwei alte Leute an einem Tisch, zwei böse Engel der Geschichte, eingehüllt in Zobelmäntel, von ihrem Volk verlassen und von den eigenen Kadern verraten. Noch redeten sie, aber gleich würden ihnen die Hände gebunden. Drei Soldaten würden sie an eine Mauer irgendwo in Rumänien führen. Nicolae würde die Internationale singen, Elena die Soldaten beschimpfen. Und dann würden die beiden erschossen werden, hektisch, fast beiläufig, mit insgesamt 90 Kugeln.
Dies eine Bild – eigentlich eine Folge von Stills, denn der integrale Prozessmitschnitt sollte erst im folgenden Frühjahr ausgestrahlt werden – war für mich, ich weiss nicht warum, der Kinderwagen auf Eisensteins Treppe. Es war dieser kurze Moment grausamer Schönheit auf der langen Neigung, auf der Osteuropa und halb Asien in ihre Zukunft schlitterten, es war dies eine, so klare und so einfache Bild, das mir von der Wende blieb: zwei alte Leute an einem Tisch, zwei böse Engel der Geschichte, kraftlos, besiegt, todgeweiht. Nicht der Fall der Mauer, nicht die Öffnung der ungarischen Grenze: die Ceausescus.
Neunzehn Jahre später, es war wieder Winter, der vorletzte Winter vor dem zwanzigjährigen Jubiläum der Wende, beschloss ich, daraus ein Theaterstück und einen Film zu machen. Ich wusste nicht genau, was ich vorhatte – den Prozess, die „letzte Stunde der Ceausescus“ auf die Bühne bringen, sagte ich. Ich fertigte Exposés an und sprach mit Historikern. Als würde ein Siegel gebrochen, entfaltete sich hinter den bekannten Prozessaufnahmen und den Bildern der triumphierenden Revolutionäre ein chaotisches Wimmelbild, ein Durcheinander von Behauptungen und Verschwörungstheorien. Warum war die Kamera ausgefallen, als die Ceausescus erschossen wurden? Warum hatten alle am Prozess Beteiligten derart schnelle Karrieren gemacht? Warum war nach der Wende kein einziger der berüchtigten Securitate-Leute gefasst worden?
(...)


Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG: DU CÔTÉ DE CHEZ CEAUSESCU

Du côté de chez Ceausescu. Eine Geschichtsbesichtigung (Rau)
Produktionstagebuch 1 (Dietrich)
Jener 25. Dezember 1989 (Rau/Bossart)
It’s a mental disease (Eisenring)

DOSSIER 1: MYTHOS CEAUSESCU. RITUAL UND UNTERGANG

Die „gloriose Eiche aus Sconicesti“ (Kunze)
Produktionstagebuch 2 (Dietrich)
1000 Stunden Ceausescu (Ujica/Rau)
Ein in die Enge getriebenes Tier (Cocias)
Was es bedeutet, mit nur einem Flügel zu fliegen (Cojocaru)
Ich musste immer an Ceausescu denken (Olschewski)

DOSSIER 2: DIE LETZTEN TAGE. GESCHICHTEN EINER REVOLUTION

Das geschichtliche Gefühl (Bude/Rau)
Betreff: Stücktext (RKI/IIPM)
Die letzten Tage der Ceausescus. Theaterstück (Rau)
Produktionstagebuch 3 (Dietrich)
So wird man Historiker (Kittler/Rau)
Bewegtes Bild und Geschichte (Bächtiger)
Und das war dann das Ende der Revolution (Munteanu)

DOSSIER 3: TARGOVISTE. AUSSTELLUNG EINES SCHAUPROZESSES

Betreff: Informationen zum Ceausescu-Prozess (Ursprung)
Die Prozessteilnehmer (Ursprung)
Was zu sehen ist. Das integrale Videotranskript (IIPM)
Diese unheimliche Verdoppelung (Lukas/Naunheim)
Panik und Hast (Koenen/Rau)
Produktionstagebuch 4 (Dietrich)
Sie wollten die Leichen sehen (Iliescu)

ANHANG
Autoren, Gesprächspartner, Beiträger
Text- und Bildnachweis, Danksagungen