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Die Kranichgucker
Von Britta Lange
 
Morgens um sieben und abends um sieben stehen sie an den Landstraßen, kleine Autos mit Kennzeichen aus der ganzen Bundesrepublik, vereinzelt, in Paaren oder auch zu dritt, alle paar hundert Meter. Scheinbar zufällig wirkt ihre Verteilung, aber es sind zu regelmäßig zu viele, als dass es sich dabei um einen Zufall handeln könnte. Morgens und abends, wenn ich durch Nordvorpommern radele, nicht nur, weil ein Ort weiter der nächste Briefkasten ist, zwei Orte weiter der Kiosk, als Getränkehandel getarnt, und drei oder vier oder fünf Orte weiter die Post, die Bank und das Amt sind. Ich suche im Radeln auch nach einer Lösung für meine innere Unruhe. Sie ist nicht schlimm; die meisten Leute kennen das, diese leichte Unzufriedenheit mit dem Alltag, die nicht groß genug ist, um ihn abzubrechen, und nicht klein genug, um sie zu vergessen. Was macht man, wenn man immer öfter denkt: ach, wegfahren, oder ach, wegfliegen, oder ach, auswandern?
Manche duschen kalt, manche trinken ein Bier, andere schalten den Fernseher an, ich radle, und was ich dabei sehe, sind diese kleinen Mittelklassewagen an den Straßenrändern, zum Beispiel den von Ilse und Gerd aus Westfalen. Das Entscheidende ist natürlich nicht das Auto, sondern das Fernglas, und das Ziel des Ausflugs nicht die Straße, sondern das Feld und der Himmel. Neben den Autos stehen nämlich Menschen, mit dem Rücken zur Straße, mit offenem Mund und meistens mit festen Schuhen. Sie schauen durch ein Fernglas auf das Feld oder mit dem Kopf im Nacken in den Himmel. Nach Kranichen, diesen großen graubraunen Vögeln, die immer ein bisschen so tun, als seien sie die Flamingos des Nordens. Die Kranichgucker, Ilse und Gerd zum Beispiel, sind begeistert und merken sich die Stelle, wo die Tiere stehen, um dort ein paar Stunden später nach Federn zu suchen, die die Vögel verlieren. Gerd, der Feinmechaniker, und die Ilse von der Post, auf der Suche nach Symbolen von ...
Zunächst jedoch geht es um das In-den-Himmel-sehen. Mit dem Kopf im Nacken fühlen sich die Menschen an den Landstraßen automatisch klein und unbedeutend. Kurt und Bärbel aus Stuttgart zum Beispiel, beide Lehrer, auf der Strecke zwischen Günz und Buschenhagen. Sie sehen etwas über sich und begreifen, dass über den dahinziehenden Kranichen noch etwas ist, noch mehr Platz, Höhe, Himmel, und darüber vielleicht Gott oder die Unendlichkeit. Genug, um ein mythisches Gefühl zu vermitteln.
Offensichtlicher am Phänomen der Kraniche jedoch ist ihre Vorwärtsbewegung, ihr Vorüberfliegen in lockeren Formationen, meist einem lang gestreckten V, V wie Vorwärts, Viktoria, Vaszination, unter magischem Gekreische. Ein lose unterbrochenes Vließen am Himmel, von dem Ilse und Gerd ahnen, dass es in die Wärme geht, nach Süden, nach Asien oder nach Afrika, wer weiß das schon genau. Sie sind ergriffen von dem Spektakel, während die Bauern sehen: Die Vögel fressen pro Tier bis zu neunhundert Gramm der Saat auf dem Acker, auf dem sie sich für die Nacht niederlassen,. Das wissen die Kranichgucker nicht. Sie bilden selber Scharen am Boden, um den fortziehenden Scharen zuzusehen. Zugvögel ziehen schon immer, Zugvogelzugucker erst seit kurzer Zeit, und mit ihnen lässt sich eine Region touristisch aufwerten und Geld verdienen: Am ersten Wochenende im Oktober gab es das "Erste Kranichfest" in Barth. Da haben sie sich vielleicht auch eingefunden, Ilse und Gerd mit ihrem Pensionszimmer in Bresewitz, in dem sie den gleichen Instantkaffee aufbrühen wie zu Hause in ihrer Dreizimmerwohnung in Bielefeld. Kraniche sind für sie Sehnsucht, Symbol von Freiheit und der Traum, den Alltag zu verlassen - wenigstens für die Hälfte des Lebens. Gut, dass die Vögel das für sie erledigen, während die beiden mit ihrem roten Kadett herumfahren, über den Acker stapfen und dabei die schon aufgegangene Saat platt trampeln. Sie finden eine Schwungfeder und freuen sich auf das Mittagessen. Die Feder kann man ins Knopfloch stecken oder hinter den Sonnenschutz des Kadetts und hat damit die Freiheit als Skalp erobert, eingepackt für die Rückfahrt in Richtung nach Hause, Westfalen.
Ich kann die Kranichgucker verstehen. Ich selbst gucke eben nicht mehr nach Kranichen, sondern nach Kranichguckern. Dann kann ich wieder für eine Weile beruhigt sein zu Hause, weil ich gesehen habe, dass andere für mich die Freiheit angucken statt auszuprobieren. Ich kann mir halt kein Fernglas leisten. Neulich habe ich die kleine Tochter meiner Nachbarin mitgenommen auf so eine Kranichguckerfahrradtour, und als sie Kurt und Bärbel oder deren Verwandte gesehen hat, hat sie mich gefragt: Warum haben die Fernseher?
Es ist eine schöne Zeit jetzt. Ich kann so ruhig schlafen. Und ich frage mich schon, was ich machen werde, wenn die Kranich- und die Kranichguckersaison vorbei ist. Vielleicht fernsehen.
Britta Lange
(Zuerst gedruckt im Stadtblatt Bielefeld)