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Die Hustenmary
Von Rudolf Lorenzen
 
Auszug aus dem Text „Jux mit Hintergrund. Aus den Protokollen der ‚Neupreußischen Empfindungsgesellschaft’“:

Es ist ein kalter Wintertag, vielleicht der kälteste seit Jahren, ein Haufen Männer und Frauen, fünfzig etwa, Pelz über den Ohren, an den Füßen dreifache Wolle, bewegt sich über Grunewald-, Vorberg- und Kolonnenstraße, argwöhnisch-ängstlich eskortiert von Bereitschaftspolizei in achtfacher Stärke – hart an der Bannmeile bewegt sich der Zug, Gefahr besteht für die Regierung.
Doch nicht politischer Eifer treibt die Rotte auf diesen Weg, zu großer menschlicher Tat hat man sich verschworen, zu sportlicher Prozedur oder ähnlichem Heldenstück, das Größe erst gewinnt durch vermeintliche Sinnlosigkeit. Die Männer und Frauen haben sich angeseilt, dickgestrickte Schals lassen Nase und Augen frei, man sieht das Leuchten in aller Blick: eine Seilschaft. An der Hauptstraße stoppt die Polizei den nachmittäglichen Cityverkehr, zehn Minuten Stille entstehen, das profane Treiben schweigt vor dem erhabenen Gedanken. Weiter bewegt sich der Zug zur Julius-Leber-Brücke, das vorläufige Ziel ist erreicht: der Fuß des Schönebergs. Wer schon von den Berlinern kannte den Schöneberg? Der nach ihm benannte Stadtteil, gewiß, wird oft genannt, aber der Berg, dieser einmalige märkische Berg außerhalb Berlinischen Bewußtseins, irgendwo zwischen den Kreuzberger Gipfeln des Viktoria-Parks und den Bergketten Wilmersdorfs, ragt einsam und wolkenverhangen in den Stadthimmel.
Natürlich erfolgt die Bezwingung über die Nordwand. Später wird man das Ereignis glorifizieren, man wird von 40 Grad Kälte sprechen und von steingefrorenen Socken, im Museum wird man die Fahne ehren. Die Namen der Teilnehmer werden Monumente: Blum, Kleber, Kraus, Siebert, Tippi – die Führer der Expedition sind es ein wenig schon jetzt: Johannes Grützke und Matthias Koeppel. Mit bergfestem und höhenerprobtem Gerät, mit lastentragendem Getier erreicht die Seilschaft – auf gelegentlichem Zwischenbiwak gut erholt – den Gipfel. Ein Gedenkstein wird gesetzt, eine Eiche gepflanzt, steinhart ist der Boden, trutzt der pickelharten Arbeit. „... Unser Herz soll uns bewahren / Was wir auf dem Berg erfahren / Einigkeit und Recht und Frieden / Ach, wir brauchen’s auch hernieden / Wir steigen, wir steigen, wir steigen ...“
Taten solcher Erhabenheit sind selten das Werk einzelner; Organisationen, Kulte, Trusts, weltweit Verknüpftes stehen hinter ihnen, und so stützt auch dieses Bezwingungsunternehmen die große Anonyme: die „Neupreußische Empfindungsgesellschaft“.
Wem sagt dieser Name nicht schon alles? Eingeordnet in die neue Zeit, lokalisiert gleichwohl auf historischem Boden und verkettet durch Gemeinsamkeiten der Begeisterung, durch kollektive Bereitschaft zum „Empfinden“ merkwürdiger Dinge, sind die Mitglieder. Wer nun sind diese „Neupreußischen“? Sind es wenige, sind es viele? Kaum jemand hat sie gezählt, eigentlich kann sich jeder als Mitglied „empfinden“, sich eins fühlen mit dem Präsidenten der Gesellschaft: Preben Spandersen.
„Preben Spandersen wurde erstmals entdeckt in einem Stummfilm von 1908, ein Student, der dem Ruf seiner längst von ihm vergessenen Geliebten folgt, ins Friesische eilt, der Sterbenden in die Arme sinkt ...“
„Preben Spandersen, eine rätselhafte Figur! Niemand weiß, woher er kommt, aber viele sind mit ihm verwandt ...“
„Was Preben Spandersen macht, ist immer am besten, denn es ist so, wie es Preben Spandersen macht – er ist der beste Seefahrer, der beste Verleger, der beste Bergsteiger ...“
„Und so sind wir nicht nur Grützke und Koeppel, jeder von uns ist auch Preben Spandersen ...“
Da sind sie wieder die beiden Namen, die wir schon aus der Seilschaft kennen, die Maler Johannes Grützke und Matthias Koeppel, beide Jahrgang 1937, beide Berliner, längst als Künstler weithin bekannt, hoch gehandelt werden ihre Bilder: übergroße Figuren, oft in verzerrten Perspektiven, beklemmend-fröhlich von der Leinwand stürzend bei Grützke; bei Koeppel Gesellschaftsszenerie lustloser Sitten in den Wohnstuben dumpffarbenen Wohlstands.
„... und weil jeder von uns zugleich auch Preben Spandersen ist, sind wir beide eben auch die besten Maler!“
Über allem steht der große, der geheimnisvolle Preben Spandersen, keine Aktivität, die nicht von ihm initiiert wurde! Unter dem Kult seines Namens entstand die „Neupreußische Empfindungsgesellschaft“ entstanden deren Töchter, die „Schule der neuen Prächtigkeit“, die „Emotion- und Starkfilmgesellschaft“, die „Gesellschaft zur Verstärkung der deutschen Sprache“, entstanden die Enkel-Gesellschaften „... der Freunde des Genitivs“, „... zur Wiedereinführung des besitzanzeigenden Dativs“, „... zur Erstellung neuer Deutscher Sprichwörter“. Fotografiert wird in der „Gesellschaft für Wahrhafte Fotografie“, verlegt wird im „Preben-Spandersen-Verlag“, und Musikalisches bieten das „Neue Orchester der Neupreußischen Empfindungsgesellschaft“, das „Erlebnisballett“ und der Chor der „Empfindungsfinken“.
Eigentlich fing es ganz klein an mit dem „Freundeskreis“. Für die Ausstellung am Funkturm vor wenigen Jahren suchten die beiden Maler einen Gruppennamen, fanden „Gruppe Freundeskreis“. Ist aber erst einmal ein Verein gegründet, läßt sich die Entwicklung einfach nicht mehr aufhalten: Schwestern-, Töchter- und Enkelorganisationen wuchern nur so mit der Zeit, der „Freundeskreis“ wird zum Dach, und plötzlich nabeln sich Sonnenbeobachtungs-, Vor- und Nachstellungsgesellschaften ab, Kanalgesellschaften, die „Transhelvetische ...“ und die „Transmondiale ...“ Mit der einen soll die Schweiz Seegeltung gewinnen, mit der anderen – nun, die Welt zu kanalisieren ist in der Praxis so einfach nicht – lassen wir also die „Transmondiale“ im Kreis der philosophischen Gesellschaften.
Auslandsvertretungen bilden sich ganz schnell von selbst, ebenso schnell gehen sie auch wieder ein, komplette Weltunternehmen welken rasch dahin, ist die Mitgliederzahl beschränkt: Oft gibt es nur zwei, Grützke und Koeppel, beide natürlich überall Präsidenten und 1. Vorsitzende – ja, es gibt überhaupt keine Mitglieder, die nicht auch Präsidenten oder 1. Vorsitzende wären.
Doch nicht nur die Werke der beiden Maler sind inzwischen weltweit anerkannt, selbst die Nebenprodukte ihrer Aktivitäten genießen, nun, nicht gerade globalen, aber immerhin doch lokalen Ruhm: Wer in Berlin das Schöneberger Heimatmuseum besucht – gleich rechts im Seitenflügel des Rathauses –, findet zwischen Speerspitzen und Knochenfunden, Vasen und Bebelbild, zwischen Berliner Stube und Sangesfahnen die Dokumentation der Erstbesteigung des Schönebergs. Direktor Hans-Georg Zeller, selbst ein Mitglied der Neupreußen, erklärt dem Fremdling gern an Hand der gipsernen Gipfelnachbildung die Stunden des denkwürdigen Aufstiegs, zeigt Fahne und Wollsocke aus großen Tagen, und als Beweis, daß alles dies historisch ist und amtlich bestätigt, liegt dort auch der Brief des Polizeipräsidenten: Das kühne Unternehmen nannte er schlicht-amtlich „Aufzug mit anschließender Versammlung unter freiem Himmel gemäß § 14 des Versammlungsgesetzes“, und er genehmigte es mit dem Aktenzeichen I Bb 53.02/360.
Im Jubel der Freunde und unter den Blicken der Öffentlichkeit, mit Hymnen, Grußbotschaften und Reden wurde der Museumsflügel eingeweiht. Man hatte sich nicht kaufen lassen, von Louvre und Tate-Galerie, das Erbe der Kulturtat verblieb der Heimat, denn „... was des Schönebergs ist, muß des Schönebergs bleiben!“ Und von dem Podest, von dem einst auch Kennedy sprach, riefen jetzt Wilmersdorfer, Moabiter oder gar Reinickendorfer – ein jeglicher in seiner Mundart – „Ich bin ein Schöneberger!“ Dazu jubelt der Chor der „Empfindungsfinken“: „... Frisch den Schnappsack überschnallen / Lieder sollen fröhlich schallen / Laßt das Maultier uns besteigen / Denen werden wir es zeigen / Wir steigen, wir steigen, wir steigen hinan!“

(...)