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Cordula killt Dich
Von Dietmar Dath
 
Prolog:
Alles, was traurig ist, müßte mal beweint werden (zum Beispiel Lenins ?Staat und Revolution?, aber auch das mit den Giraffen)
?Now somewhere in the Black Mountain hills of Dakota there lived a young boy named Rocky Raccoon /One day his woman ran off with another guy /hit young Rocky in the eye /Rocky didn´t like that he said I´m gonna get that boy...? The Beatles ; Rocky Raccoon
Songtexte, so schwebte uns vor, hätten sich doch eigentlich behandeln lassen müssen, als habe es sie immer schon gegeben. Was war denn ?Déjà?, immer schon da, wenn nicht die Songtexte? Also, die Bücher bestimmt nicht. Die mußte man doch dauernd neu schreiben. Die wurden nicht ?geliefert?, wie die Songtexte- Wir schrieben die Mitte des Endes. Das Ende waren die Neunziger. Die Mitte war also ungefähr das Jahr 1995.
Nun, irgendwo in den schwarzen Bergen von Baden-Württemberg lebte ein junger Mann namens Deisuke-San. Eines Tages lief seine Frau fort, mit einem anderen Mann. Das traf Deisuke mitten ins Auge. Deisuke mochte das nicht. Er sagte, den Burschen, den kauf ich mir. Also ging er eines Tages hinunter in die Stadt und mietete sich ein Zimmer in der Absteige. Deisuke bezog sein Zimmer, setzte sich hin, richtete sich ein, aber anstatt mit einem Gewehr war er mit einem Computer gekommen.
Dann schrieb er einen Roman. Die formalen Lösungen der anliegenden Probleme fielen in den verschiedenen Kapiteln sehr unterschiedlich aus. Es wurde ein sehr heterogener Roman. Eigentlich war es ein Matsch. Das Warten war noch nie Deisukes Sache gewesen, aber allmählich fing es an, ihm zu gefallen. Man konnte so viel tun. Man konnte aus dem Fenster schauen.
Man konnte ein Computerspiel spielen.
Man konnte sich überlegen, was Musik wirklich war.
Man konnte draufkommen, daß das wichtigste Tier auf der Welt die Giraffe war. Daß all das, was die Menschen die ganze Zeit falsch gemacht hatten, und was sie weiterhin falsch machen würden, schon klar, wer hätte es ihnen verwehren oder gar ausreden sollen, nur deshalb falsch gemacht (und dann zu allem Übel auch noch fortlaufend falsch interpretiert, falsch bekämpft, unter Berufung auf die falschen CharismatikerInnen, unter Berufung auf Ideen wie die, es sei vielleicht sogar einfacher, das Falschmachen den Menschen auszureden als es ihnen zu verwehren, wo doch beides unmöglich, Ersteres aber noch ein bißchen unmöglicher als Letzteres ist) worden war, weil es keine Tradition bei den Menschen gab, sich Giraffen als Haustiere zu halten. Die Großzügigkeit, die eine richtige Hege und Pflege von Giraffen zwangsläufig fordert und lehrt, wäre es gewesen: die Eigenschaft, die die Menschen gut machen würde. Das wär ´die Lösung gewesen. Aber eigentlich, naja eigentlich ist das doch genauso trivial wie das andere Zeug, oder? Jeden Tag ging Deisuke im Park spazieren und erzählte sich von sich in der dritten Person und im Imperfekt: ?Er ging jeden Tag hier im Park spazieren, das machte er so lange, bis die Vogelkäfige unter den hohen Nadelbäumen eines Tages leer waren , da wußte er, es war an der Zeit, die Route zu ändern, und statt im Park jetzt mehr entlang der Landstraße zu spazieren.? Seit den Tagen seiner Jugend hatte man ihn gelehrt, wie das funktioniert: von Leuten im Imperfekt und in der dritten Person zu berichten, also gab es gar keinen vernünftigen Grund, sich das selber vorzuenthalten. Es ging um unbedingte Gleichberechtigung. Eines Nachmittags, eines sehr mattigen Nachmittags schon sehr im Herbst, klingelte in der Nähe der Landstraße plötzlich ein Telefon in einer Telefonzelle, an der Deisuke vorbeiging. Deisuke blickte sich um und stellte fest, daß in der ganzen weiten Gegend unter dem weiten Himmel, wo der Horizont in jeder Richtung sehr weit entfernt war, niemand zu sehen war. Also ging er zu der Telefonzelle, betrat sie, und nahm den Hörer ab. Am andern Ende meldete sich eine tiefe, ein wenig sarkastisch klingende Stimme mit: ?Hier Ignacio. Hören Sie mal zu, junger Mann. So geht das nicht. Das ist doch SCHEI-ße. Sowas ist doch SCHEI-ße. Was glauben Sie denn, wer Sie sind? Rilke, oder was? Wir machen hier keine Witze mit Ihnen, wir sind doch nicht blöd. Also, heute abend gehen Sie in die Hotelbar. da werden Sie einen Arzt treffen. Mit dem werden Sie sich eine Weile unterhalten, Sie werden dann schon merken, was Ihnen das bringt. Übrigens, kennen Sie Lenins ?Staat und Revolution?? Cordula Späth hat jetzt gerade angefangen, sie ist im Moment in einer Stadt im Nordosten Deutschlands, wir werden Sie noch wissen lassen, wo, aber jedenfalls hat Cordula Späth, wie ich gerade schon sagen wollte, jetzt damit angefangen, eine Fortsetzung von Lenins ?Staat und Revolution? zu schreiben, und die wird ?Staat und Information? genannt werden. Sie schreibt ihr Buch unter aller Augen, eine Menge davon entsteht direkt im Netz, jede und jeder können mitlesen, während sie an dem Buch arbeitet. Wir werden auch Ihnen zu gegebener Zeit die Adresse im Netz mitteilen, wenn Sie nicht selber draufkommen, dann können Sie ja mal Kontakt machen.? Deisuke versuchte das Gespräch mit der tiefen, etwas sarkastischen Stimme noch eine Weile am Laufen zu halten (bis dahin war es ja noch gar kein Gespräch gewesen, sondern eine Kette von Anweisungen, Nachrichten und Unverschämtheiten), vor allem deshalb, weil er noch nicht richtig glauben konnte, daß es wirklich ein Gespräch für IHN war, aber alles Mißtrauen gegen die Paranoia (also alle Paranoia im Quadrat) halfen nichts, die Nennung des Namens von Cordula Späth war eigentlich schon der definitive Beweis gewesen, daß dieser Anruf sich an ihn richtete, da gab es ja längst nix mehr zu deuteln. Dennoch wurde die Stimme am andern Ende der Leitung ein bißchen freundlicher, und es gelang sogar, sie wirklich in ein Gespräch zu verwickeln, unter anderem darüber, ob das WÖRTLICH zu verstehen war mit der Fortsetzung von ?Staat und Revolution?, denn dann müßten ja auch Äquivalente bzw. Fortschreibungen von so Sachen wie der impliziten Auseinandersetzung mit Kautsky aus Lenins Buch gefunden werden, und jenes Buch sei nun mal das Hauptwerk der Staatstheorie des Marxismus-Leninismus, also ganz unmarxistisch könne es bei einer Fortsetzung wohl nicht zugehen, aber man wisse doch, gerade Cordula, also wenn die jemals was Marxistisches schreibt, dann schreibe ich, so unkte Deisuke, den zweiten Band vom Buch Mormon. Die dunkle Stimme meinte, Fortsetzung sei in dem Sinne zu verstehen, daß Cordula eben ein Äquivalent für alle diese Dinge gefunden hätte, vor allem für das, was Lenin schon im ersten Kapitel versucht, nämlich gegen alle Entstellungen noch mal klar zu machen, daß der Staat ein Produkt der Unversöhnlichkeit der Klassengegensätze sei. Damit , also mit der unterstellten Verbindung von Cordula Späth und solchem Gedankengut, konnte Deisuke nun wirklich überhaupt nix anfangen. Und wie paßt die Krisentheorie und Wertlehre da rein? Oder , äh... aber die Stimme am anderen Ende verabschiedete sich, nicht ohne Deisuke aufzumuntern, mit der Prophezeiung, daß seine Frau (bei der es sich NICHT um Cordula Späth handelte, das möchte ich an dieser Stelle verraten, falls das jemand gedacht hat) bald zu ihm zurückkehren würde. Na, dann. Und damit stand Deisuke dann alleine in dieser komischen Telefonzelle. Er ging nach ?Hause?, ins Hotel, und tat ansonsten alles, was man ihm aufgetragen hatte. Der Arzt war da. Sie wurden bald Freunde.
Seltsam, diese neuen Chipkarten der Krankenversicherungen. Und der mit Deisuke befreundete Arzt meinte (es war ein anderer Arzt als der, der bei den Beatles in dem Song ?Rocky Raccoon? ins Hotelzimmer kommt, nach Gin stinkt und den angeschossenen Rocky zusammenzuflicken versucht, ihm dann sagt, mein lieber Rocky, jetzt hast du aber einen kennengelernt, der dir über ist, worauf Rocky entgegnet, es sei ja bloß ein Kratzer, und es werde ihm sehr bald besser gehen, nämlich sobald ich dazu in der Lage bin, dafür zu sorgen, daß es mir besser geht, worauf der Doktor zwar sicher wieder was Schlagfertiges antwortet, was die Beatles aber unterschlagen, es gibt eh so vieles, was Lennon/McCartney uns noch schuldig geblieben sind, aber dafür ist es jetzt auch zu spät) , daß dieser ganze Kram, die Computer, die er jetzt bei sich in der Praxis aufgestellt hat und überhaupt die Digitalisierung der Heilkunde, ein einziger Bluff und Betrug sei, und niemandem helfe, am wenigsten ihm, dem Arzt, der durch die Anschaffung besagter Computer und der zu ihnen gehörigen Software einen enormen Mehraufwand an Arbeit habe leisten müssen. Deisuke wiegte den Kopf hin und her, trank noch einen Schluck Bier, es war schon spät, die Hotelbar würde gleich schließen, und der Doktor redete und redete und ramenterte und salbaderte, dann fing der Doktor noch an von den Beatles zu reden, genauer, von John Lennon, es gebe da diese berühmte Geschichte, wo John Lennon mit Yoko Ono in diesem Bett gelegen habe, für den Frieden, und Al Capp, der alte, rechtsradikale Comiczeichner, der die ?Li´l Abner?-Comics gezeichnet hat, sei reingekommen, während die Presse da war, und habe Ono beschimpft, und sich selbst als den ?alten Faschisten? bezeichnet, und in Anspielung auf den Song der Beatles ?The Ballad of John & Yoko? habe er zu Lennon gesagt, kein Wunder, daß Lennon sich gekreuzigt fühle, wenn er mit so einem Ding verheiratet sei. Aber Lennon war noch viel arroganter als Capp, und Ono war's egal, was der ?alte Faschist? da sabberte. Und Deisuke hörte zu, aber der Arzt hörte nicht auf zu reden. Jetzt fing der Arzt an, von der Stadt Köln zu erzählen, das sei ja vielleicht eine Stadt, also dieses Köln, unglaublich. Naja oh du mein Köln, oh schöne Stadt, wo die Leute sind und dann reden. Fein sei es in Köln. Dort gebe es viel zu Sehen und zu bestaunen, Häuser, Gebäude. Ja, in Köln könne man sich aufhalten, ja, in Köln könne man es aushalten. Dort befänden sich, lautete die nebulöse Auskunft des Arztes ?gute Sachen?. Und neulich sei er in Köln gewesen und habe doch tatsächlich beobachtet, wie jemand aufs Klo ging. Beeindruckend. Deisuke wurde müde, ging nach oben.
In den folgenden Wochen ging Deisuke immer seltener hinunter an die Hotelbar. Er machte sich statt dessen lange Gedanken über Cordula Späth.
Schließlich kehrte Deisukes Frau, die nicht Cordula Späth war, zu ihm zurück. Doch da, wie es mit solchen Dingen gern ist, lag er bereits im Sterben.
Ich denke immer noch, alles hat eine Zukunft.
copyright 1995 by Dietmar Dath