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Interview mit Barbara Kirchner
Von Tine Plesch
 
Barbara Kirchner ist Naturwissenschaftlerin und als Autorin für spex oder de:bug bekannt. Ihr Roman "Die verbesserte Frau" ist ein Krimi mit Thriller- und Sci-Fi Elementen, der sich um Themen dreht wie Privatisierung von Wissenschaft und Möglichkeiten biochemischer Forschung. Fast wie nebenbei entwirft Kirchner aber auch Utopien von Sexualität und Freundschaft und gibt uns mit der lesbischen Studentin Bettina Ritter eine ganz alltägliche Laienermittlerin, der es irgendwann ganz normal reicht.
Barbara Kirchner hat Tine Plesch per E-Mail ein paar Fragen beantwortet.


Tine Plesch: Wieso hast Du dich für die Form Roman und für den Krimi entschieden?

Barbara Kirchner: Im Prinzip ist es die Form, mit der ich mich selbst beim Lesen am meisten beschäftige. Beim Schreiben will man schon die Vorteile der Kunst genießen (Formgesetze, die nicht bloßer Sachzwang sind z.B., Subjektivität, aber auch deren Objektivierung, alles Sachen, die Kunst kann und andere Modi des Denkens nicht können). Die Romanform ist immer noch die am meisten entwickelte Prosaform. Ich vermeide gerne so was wie Plattenkritiken, wenn es dabei rein um eine Serviceleistung geht. Diese Art von Schreiben macht mich nicht an, das ist entfremdete Arbeit und ich habe das Privileg, nicht vom Schreiben leben zu müssen.
Das Genre Krimi ist ja sozusagen schon eingeführt für sogenannte Frauenthemen. Mein Krimiwissen, Krimigefühl, kommt eher vom Film. Das Ergebnis meines Romanversuchs ist wohl auch sehr cinematisch geworden. Die Handlung steht immer im Vordergrund, die "innere Welt" ist nur relevant, wenn es um Übergänge geht und steht damit zurück hinter Was-passiert-dann.



Tine Plesch: Das breitdiskutierte Thema heißt ja Genforschung. Dir geht es um die weitaus weniger beachteten Möglichkeiten, durch Eingriff in biochemische Prozesse Verhalten zu verändern...

Barbara Kirchner: Über diesen ganzen Nexus Aktualität, Debatte, antizyklisch genau von was anderem reden etc. muß ich ein bißchen schmunzeln. Da steckt sehr wenig Kalkül drin, eher Zufall. Das Buch ist ja nicht gerade jung, es paßt in seiner antizyklischen Bezugnahme auf die vernachlässigte Seite der Sache eher durch Zufall. Diese Zufälle sind unglaublich und man lernt nur eins: nie auf Debatten hin erzählen. Wenn die Geschichte taugt, taugt sie jederzeit. Jedenfalls war mein Buch auch schon zweimal fest von Verlagen angenommen, die sich dann auf ziemlich eklige Art und Weise wieder aus der Zusammenarbeit rausgewunden haben. Das waren dann auch solche Verlage, die glauben, mit ihrem Programm irgendwie großartig zur Verbesserung der Situation der Frau beitragen zu müssen, na ja...
Natürlich habe ich als Naturwissenschaftlerin was zu diesem Thema zu sagen bzw. zu schreiben. Schmerzforschung ist ein plakatives, unglaublich gut geeignetes Schlagwort, um die Leute gleich das Richtige denken zu lassen. Der Roman behandelt Naturwissenschaft von drei Seiten her: soziales, Wissenschaftler als Kaste (Arndt/Olim) dann das spekulative Moment, was man an guten SF-Büchern so mag, hier sehr kurz gehalten, und dann, wie soll man sagen: Ethik. Dafür, für dieses Dritte, hat man vor allem wieder die Handlungsbetontheit.



Tine Plesch: Grob gesagt wird in "Die verbesserte Frau" Sexualität als Machtbeziehung bis zur Gewalt dargestellt, überdrehtes SadoMaso inklusive (eben die verbesserte Frau). Sexualität erscheint andererseits als recht frei flottierende Angelegenheit. Freundschaft, Zärtlichkeit, Erotik, Sex, lesbisch oder schwul müssen nicht eindeutig festlegbar sein. Eine Utopie in einer Zeit, in der Sexualität medial totgequatscht wird - also alles ja auch eigentlich schon "durch" scheint?

Barbara Kirchner: Sehr gut beobachtet. Ziemlich sicher ist Sexualität totgequatscht. Aber befreit ist was anderes. Immer wieder muß man halt da ran, immer wieder geht es schief, das ist halt politisch so, und deshalb auch in dem Buch.



Tine Plesch: Wie üblich im Krimi sterben etliche, auch unbeteiligte und sympathische, Leute. Ganz naiv gefragt, warum?

Barbara Kirchner: Wenn du dich das fragst, wenn es dich stört, hat es seinen Sinn gehabt. Denn das ist ja der Mist am Mord: er ist im Wortsinne sinnlos, er schlägt zu, wo er will, und ist eine gute Metapher für`s Elend in einer Welt, die eben nicht planvoll von freien Menschen organisiert wird, sondern mehr eine Naturkatastrophe ist. Der Einzelne sagt sich dann zurecht: Warum immer ich?



Tine Plesch: Es splattert ordentlich gen Ende. Was war Deine Idee dabei?

Barbara Kirchner: Dazu werde ich oft gefragt, was ich ehrlich gesagt kaum verstehe. Das klingt, als ob etwas, das ich eigentlich für eine selbstverständliche und sozusagen auf breiter Front durchgesetzte Sache gehalten habe, noch verwunderlich oder originell ist: die schlitzende, prügelnde, echt sauere Frau, also Bettina etwa im letzten Drittel, wo es dann ernst wird und der Splatter kommt. TV-Sendungen wie Buffy, The Vampire Slayer oder Comics wie Martha Washington bedienen sich dieser Zutat ja nicht als erste in der Geschichte der weiblichen Heldin. Dabei bedarf es bestimmt nicht unbedingt einer feministischen oder politischen Gesinnung. Für mich ist dieses Drittel des Buches unvermeidlich. Einige Rezensentinnen haben sich dann aber gerade darüber gefreut, wodurch mir aufgefallen ist, dass meine Bettina Ritter ja gar keine dieser Ikonen ist, also nicht Lara Croft und dergleichen, sondern dass das Attraktive an ihren Gewaltausbrüchen vielleicht ist, dass sie vorher so eingehend, auch von innen und im Sinne einer Schilderung des sozialen, echten Lebens, geschildert wird und es deshalb einfach krasser und möglicherweise auch befreiender wirkt, wenn so ein echter Mensch die Schnauze voll hat, als wenn es eine Superheldin wäre. Und trotz bekannter Beispiele ist diese Ebene der ich-trau-mich-jetzt Frau in dem ganzen Medienkram offenbar doch noch unterrepräsentiert, sonst käme die Frage ja nicht andauernd. Ich kenne auf dieser Ebene nur ein Beispiel, das mir einleuchtet, das entsprechende Ding auch glaubhaft mit allen
Ängsten und den Unsicherheiten der geschilderten Frau, die draufhaut, auftischt. Und diese Figur ist Clarice Starling aus den Büchern von Thomas Harris. Selbst in den beiden Filmen "Silence of the lambs" und "Hanibal" wird diese Ebene hervorragend getroffen.