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Das Kuhlbrodtbuch
Von Dietrich Kuhlbrodt
 
1965, im November, stieg ich mit ziemlich viel Gepäck auf dem Bhf. Ludwigsburg aus, in der Stadt des blühenden Barock. Ich trat dort meinen Dienst im Frauengefängnis, Schorndorfer Straße 28, an. Der Taxifahrer, ein alter Herr, sagte mir auf den Kopf zu: "Sie wollen zur Zentralen Stelle, meine Kameraden verfolgen."
Ich gestand. Er fuhr mich trotzdem, schweigend. Die Stimmung war gespannt. In der ganzen Stadt. Ich sollte das schnell merken. Die Zentrale Stelle zur Verfolgung von NS-Gewaltverbrechen, so der offizielle Name, war von den Ländern eingerichtet worden, um die Staatsanwaltschaften zu entlasten. Wir sollten Großverfahren vorbereiten. Die Stadt, wiewohl SPD-regiert, empfand die Stelle als Schandfleck. Wir stießen auf Ablehnung, selbst im Gemeinderat, wo wir uns für unsere Anwesenheit entschuldigten und unsere Arbeit rechtfertigten.
Außerhalb der Stadt bekam ich aber doch ein Untermieterzimmer. Schon zwei Tage später hatten die Nachbarn angezeigt, dass ich abends die Jalousien nicht runtergelassen und gleichwohl Kleidung abgelegt sowie morgens den Müll in den falschen Eimer entsorgt und die Kehrwoche nicht beachtet hatte. Ich musste gestehen. Die Beweise waren eindeutig, triumphierend führte mich die Schönste der Nachbarinnen auf den Dachboden, wo die Kontrollfäden, die sie ausgelegt hatte, unberührt waren, und zu einer der Fußmatten, die auf jedem Treppenhausabsatz lagen: drunter nicht gefegt! Aber es soll doch auch da appetitlich sein!
Schön, das sind Kehrwochenabenteuer eines Norddeutschen. Als ich endlich meinen Wagen da hatte, wurde ich wieder angezeigt: Ich hatte ihn noch nicht umgemeldet. Ein Polizist war extra deswegen ins entlegene Viertel gekommen. Betroffenenleid? Die böse Stimmung hatte etwas Gutes. Ich kam zum ersten Mal ins Fernsehen! "Panorama", damals noch DIE Fernsehopposition, drehte in Ludwigsburg, ich schritt mutterseelenallein vor der Kamera hinter einem Wagen her, durch die Hauptstraßen der Kameraden-Stadt, und räsonnierte. Gesendet wurde das auch noch zu dem, was man später prime time nannte. Mein erster öffentlicher Auftritt. Gleich danach ging es mit Diskussionssendungen weiter.
Zurück zum Frauengefängnis. Die Stadt hatte gefunden, dass die Zentrale Stelle dort am besten untergebracht wäre. Der Trakt zur Straße, mit den ebenerdigen, zellengroßen Zimmern, hatte sowieso leer gestanden. Außerdem waren wir hinter Gittern. Zu unserem Schutz, wie wir schnell merken sollten. Wir waren es gewohnt, dass ab und zu ein Zug der Bundeswehr mit klingendem Spiel durch die Hauptstraße zog. Dann standen wir am Fenster und staunten. Aber eines Tages war es anders. Die Marschmusik war besonders. Es war der Tag, als, die Bundeswehrkapelle vorweg, mit Blasen und Trommeln der SS-General Dietrich feierlich zu Grabe getragen wurde. Und diesmal stießen die Trauergäste uns gegenüber Flüche und Verwünschungen aus, auch reckten sich Fäuste gegen die Zellengitter: "Wir kriegen euch noch!"
Wir mussten was tun. Etwas Gemeinsames. Eigentlich waren wir als Individualisten gekommen. Die Stelle war mit Jungstaatsanwälten besetzt, die die Länder dorthin für ein Jahr abgeordnet hatten. Nur der Leiter, Oberstaatsanwalt Schüle, hatte ein festes Amt, leider sollte er selbst wenig später in Schwierigkeiten kommen - weil er Einheiten angehört hatte, gegen die die Dezernenten seiner Stelle ermittelten, erzählten wir uns.
Wir fühlten uns in Ludwigsburg kaserniert. Als erstes bildet man dann eine Gruppe. Wilfried Penner, der heute den Rechtsausschuss des Bundestages leitet, entwickelte Führungseigenschaften. Die anderen waren Charaktere; sie hatten nicht recht in ihre Behörden gepasst. Dort war man froh, sie auf diese Weise elegant loszuwerden. Nach der Motivation, Naziverbrechen zu verfolgen, war keiner gefragt worden. Auch ich nicht. Ich könnte hier einfügen, dass es gleich zu Beginn meiner Arbeit als Jugendstaatsanwalt in Hamburg sowohl einen Sittenskandal gegeben hatte als auch einen Freispruch im Verbotsverfahren gegen den Verleger Jens Meyer, der es gewagt hatte, den Roman "Notre-Dame-des-fleurs" von Jean Genet zu veröffentlichen. Aber ich schweife ab, denn es geht jetzt darum, dass die Länder mit der Abordnungskonstruktion den Keim der Ineffizienz gesät hatten. Allein sich in ein Großverfahren einzuarbeiten, sollte schon weit mehr als ein Jahr dauern; womit das Verfahren auch nicht weitergebracht war.
Immerhin blieb ich noch ein zweites Jahr. Und ein bisschen mehr. Aber nicht, weil das sachlich geboten gewesen wäre, sondern weil die Hamburger Behörde nicht anders konnte. 1966 war ich reiseunfähig geworden. Meine Rückfahrt nach Hamburg wurde unmöglich. Dafür gibt es einen zwei Gründe. Der schlechte: Anfang 1966 hatte ich einen Termin beim Ludwigsburger Gesundheitsamt; es sollte meine Diensttauglichkeit feststellen, die wiederum Voraussetzung dafür war, dass ich, der noch in der Probezeit war, ernannt werden konnte. Ich verließ also meine dunkle, klamme, dumpfe Zelle im Frauengefängnis und stellte mich dem Amtsarzt. Der befand: Lungentuberkulose. Ab ins Sanatorium.
Die gute Nachricht: Einige Wochen vorher hatte ich geheiratet: Brigitte Kausch, wir waren noch im Liebesrausch, war gerade im Haus mit dem appetitlichen Fußabtreter zusammengezogen - ich hatte jetzt Zeit, mich der Liebe zu widmen. Der Jungverheiratetenbonus hatte die Behörden nach einigem Hin und Her bewogen, die Behandlung ambulant zu gestatten. Es war so, dass Brigitte, Werbegrafikerin, morgens zur Arbeit nach Stuttgart fuhr, und ich, Hausmann, mich erschöpft ins Bett legte. Nachts geisterte ich herum, von Sigbert Mohn hatte ich 1000 Mark Vorschuss bekommen, ein Enthüllungsbuch über die Zentrale Stelle zu schreiben.
Ich habe es nicht zustande gebracht.