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| Schwester Mitternacht | |
| Von Dietmar Dath Barbara Kirchner | |
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| Aus Kapitel 3: So hörte Horn denn kurzentschlossen auf, die Philosophie oder irgendein anderes Gedankenkonstrukt jenseits seiner persönlichen Schuld- und Desorientierungskomplexe ernstzunehmen. Auch Schwester Mitternacht, für die er gerade erst eine zuverlässige Bezugsquelle auf einer benachbarten Station aufgetan hatte - ein junger Assistenzarzt verdiente sich mit schwunghaftem Drogenhandel ein paar Euro dazu - setzte er ohne das geringste Bedauern umgehend wieder ab. Ohne die geringste Entzugserscheinung lebte er sein gesundes, wenn auch kompliziertes Leben und kehrte nie mehr in die verschwommenen und vage erotisierenden Gegenden zurück, welche die Droge ihm gezeigt hatte. Mit dieser Phase seines Lebens hatte er abgeschlossen. Das hieß freilich nicht, daß er weniger grübelte, während er seiner Arbeit in gewohnter Weise nachging und sich in medizinischen wissenschaftlichen Zirkeln allmählich einen Namen machte. Sogar eine Veröffentlichung in "The Lancet" hatte er mittlerweile vorzuweisen. Das war ein gemeinsam mit einem japanischen Kollegen verfasster Aufsatz, eine Art skizzenhafte genetische Epidemiologie der Schizophrenie. Horn hatte die Samples organisiert, der Japaner hatte die Genomanalysen durchgeführt. Hübsche, glatte Sache. Sie waren ein paarmal zitiert worden, dann versickerte die Sache. Immerhin: über diesen Japaner, der nach einer Weile aus dem Universitätsdienst ausschied und Angestellter eines japano-amerikanischen Konzerns namens Sagai Enterprises wurde, hatte Rainer Horn Doktor Boros kennengelernt. Am Rande eines Sexualforscher-Kongreßes in K. war das gewesen, da hatte Boros auf Empfehlung des japanischen Kollegen Horn auf seiner Station aufgesucht. Boros hatte in melodiösem, gebrochenem, stark akzentgepfeffertem Deutsch erklärt: "Ich mechte mir ein Bild machen von deitsche Psychiatrie-Strukturen, ist alles sähr interessant, wissen Sie?" Sie waren schnell miteinander warm geworden. Schon am ersten Abend zogen sie zusammen durch ein paar der erleseneren Weinstuben der Stadt, wobei sich Horn schließlich einen so schweren, heißen, auf die Schläfen drückenden Rausch ange soffen hatte, daß er dem Wildfremden sogar von seinen religiösen Obsessionen und Spekulationen erzählte - vom Blut des Lammes, von Jesu "religiösem Wahn als Vorbedingung einer neuen Art geistiger Gesundheit durch zweitausend Jahre abendländischer Zivilisation"... Doktor Boros hatte geantwortet : "Kollägä, Sie sind vielleicht Dichtärr, ohne daß Sie es wissen. Dichter wie Doktor Gottfried Bänn, odär visionärär Dichter wie Yeats, wie William Blake - Sie haben Visionän, jáwohl!" Daraufhin - sozusagen aus gegebenem Anlaß - hatte Boros seinem Gastgeber das erste mal von Johannes Evangelis erzählt. Zu jener Zeit hatte Horn sich generell wie eine überreife Frucht gefühlt, die viel zu lang an ihrem Ast gehangen war und jetzt endlich zu Boden fallen und aufplatzen mußte. Seine "Visionen", sein Privatleben, das alles konnte so nicht weitergehen. Die Geschichte von Evangelis, dem Frauenverführer wider Willen, dem "die Weibär nachlaufänn, obwohl är nicht will", kam Horn vor wie eine Offenbarung. Und daß der Mann von sich obendrein glaubte, ein Prophet zu sein, machte gleich noch mehr verdrehten Sinn. Horn hatte das Gefühl, er hätte auf so eine Geschichte seit Jahren gewartet. |
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