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Faschistische Ideologie
Von Zeev Sternhell
 
Es gibt in unserem politischen Vokabular nur wenige Begriffe, die sich einer solch umfassenden Beliebtheit wie das Wort Faschismus erfreuen, ebenso aber gibt es nicht viele Konzepte im politischen Vokabular der Gegenwart, die gleichzeitig derart verschwommen und unpräzise umrissen sind.
Tatsächlich könnte es scheinen, als ob die Erforschung des Faschismus noch in den Kinderschuhen stecke, und dass es zu wenige Gelehrte gebe, die sich umfassend um ein tiefgreifendes Verständnis dieses Phänomens bemühen. Die bisherigen Forschungen wurden dabei u.a. durch den Umstand behindert, dass der Faschismus, der vor allem nationalistisch und deshalb an erster Stelle eine Ideologie des Ausschlusses war, unter Gegebenheiten gedieh, die sich erheblich voneinander unterschieden - sowohl in den großen Industriezentren Westeuropas als auch in den unterentwickelten Ländern Osteuropas - und sich seit seinen Anfängen sowohl an die jeweiligen intellektuellen Eliten als auch an die unwissende Landbevölkerung wandte. Der Faschismus findet seine Anhängerschaft oder seine sichtbare Verankerung nicht in irgendeiner bestimmten sozialen Klasse, und seine geistigen Ursprünge sind in sich selbst widersprüchlich. In seinem eingeschränktesten Sinn wird das Wort Faschismus einfach auf das politische Regime in Italien in der Periode zwischen den beiden Weltkriegen angewandt; im Gegensatz dazu wird die Kennzeichnung faschistisch in ihrem weitesten Sinn als Schimpfwort par excellence, endgültig und keinen Widerspruch duldend, besonders durch Linke unterschiedlichster Färbung genutzt.
Der emotionale Gehalt dieses Wortes hat lange Zeit dazu beigetragen, dass ein politisches Konzept im Dunkeln verharrte, das noch nie auf den ersten Blick in aller Deutlichkeit erkennbar gewesen ist. Wenn sowohl Mussolini als auch Léon Blum, Franklin D. Roosevelt, Franco und José Antonio, Codreanu, Pilsudski, Henri de Man, Joseph McCarthy und Charles de Gaulle als Faschisten bezeichnet worden sind, was kann dann ein Gattungsbegriff Faschismus noch aussagen? Und so lange Sozialisten von Kommunisten als Sozialfaschisten bezeichnet wurden, während die preußischen Junker, die italienischen Konservativen oder die französische Bewegung Croix de Feu von genau den gleichen Leuten als faschistisch beschrieben wurden, die selbst durch Togliatti, Thorez und Thälmann als Faschisten denunziert wurden, wie konnte es da für die Mehrheit der politisch gebildeten Menschen möglich sein zu beurteilen, was Faschismus wirklich bedeutet?
Obwohl in den sechziger Jahren ein Durchbruch erfolgte, da es uns die ersten umfassenden Untersuchungen des Gegenstands ermöglicht haben, die Gestalt des Faschismus in einer Weise zu skizzieren, die nur wenige Jahre zuvor nicht möglich gewesen wäre, ist inzwischen klar, dass es noch immer keine einfache Angelegenheit ist, Faschismus präzise zu bestimmen, und dass noch immer keine allgemein anerkannte oder als allgemein gültig betrachtete Definition des Faschismus existiert. Wir können uns mit einiger Berechtigung optimistischer fühlen als Professor Hugh Seton-Watson, der die Ansicht vertritt, dass wissenschaftliche Genauigkeit gegenwärtig nicht erreichbar sei und es zweifelhaft sei, ob sie es jemals sein werde . Aber trotz dieses Optimismus dürfen wir nicht die weiterhin bestehenden Schwierigkeiten übersehen.
Wir sollten allerdings bedenken, dass eine Definition des Begriffs Demokratie keineswegs einfacher ist: die Konzepte sind zu breit angelegt, um sie in Worte zu fassen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass kein einziges historisches Beispiel die genauen Definitionskriterien eines sorgsam konstruierten "Modells" von Faschismus oder Demokratie erfüllen kann. Das mag Professor N. Kogan im Kopf gehabt haben, der nach der sorgfältigen Erarbeitung eines Sechs-Punkte-Modells des Faschismus, wobei er viele seiner Beispiele für faschistisches Denken und Handeln aus dem italienischen Regime gezogen hatte, zu dem ziemlich überraschenden Schluss kam, dass bei der bestehenden Praxis "Italien unter dem Faschismus kein faschistischer Staat war". Dies ist in der Tat zutreffend, wenn Kogan zu verstehen geben will, dass Italien unter dem Faschismus kein idealer faschistischer Staat gewesen ist. Der gleiche Nachweis könnte bezüglich der Demokratie oder des Kommunismus geführt werden. Was ist das Idealbild der Demokratie oder des Kommunismus, was sind - in aller Exaktheit - die dazu gehörenden Teile, und wo sind sie in die Praxis umgesetzt?
Die Beantwortung der Frage wird sogar noch komplexer, wenn wir das Feld der Untersuchung auf die Ideologie des Faschismus einschränken. Umfassende Übereinstimmung bestand über lange Jahre hinweg in der Ansicht, beim Faschismus entweder einen völligen Mangel ideologischer Konzepte feststellen zu können oder aber davon auszugehen, dass sich dieser um des Erfolges willen in einige wenige Fetzen einer Lehre gehüllt habe, die deshalb weder ernst genommen werden müsse, noch im mindesten die Bedeutung habe, die der Herrschaft politischer Ideen über eine politische Bewegung allgemein zugewiesen wird. Diese Meinung war fast immer mit einer grundsätzlichen Weigerung verbunden, den Faschismus als irgend etwas anderes als einen schrecklichen lapsus in der europäischen Geschichte zu betrachten. Dem Faschismus eine theoretische Dimension zuzugestehen, könnte dazu führen, ihm einen Platz und eine Bedeutung in der Zeitgeschichte zuzuweisen, was vielen Menschen, von der Linken wie von der Rechten, widerstrebte, oftmals aus Gründen, die sowohl ähnlich als auch widersprüchlich waren.
Die offizielle marxistische Interpretation des Faschismus, die diesen als die Schöpfung des Monopol- oder Finanzkapitals begreift und seine Ideologie als unreife Rationalisierung kapitalistischer Interessen, hat ebenfalls dazu beigetragen, das Studium der faschistischen Ideologie im Stillstand verharren zu lassen. Die bloße Vorstellung, dass Faschismus eine Massenbewegung gewesen sein könnte, unterstützt durch eine den Notwendigkeiten moderner Politik und der Massengesellschaft gut angepasste Ideologie, galt lange Zeit als contra bona mores. Und während der Kriegsjahre wurde derjenige, der diese Ansicht vertrat, - zuweilen mit gutem Grund - verdächtigt, wenn schon nicht mit dem Faschismus bzw. Nazismus zusammenzuarbeiten, so doch zumindest ihm gegenüber eine positive Haltung einzunehmen.
Andere Interpretationen des Faschismus stützten sich auf die Argumentation, dass es dem Faschismus oder dem Nationalsozialismus zwar nicht völlig an einer Ideologie mangelte, dass diese aber vollkommen nebensächlich und unwichtig gewesen sei. Sie behaupteten, dass Mussolini und Hitler zur Macht gekommen seien, ohne Wert auf die Natur ihrer Doktrin gelegt zu haben, bzw. dass diese Doktrin nach der Machtübertragung nicht in die Praxis umgesetzt worden sei. Beide könnten deshalb als Abenteurer und Opportunisten ohne Überzeugung und Prinzipien charakterisiert werden. Es ist notwendig zu erwähnen, dass solcherlei Überlegungen bei der Analyse des Kommunismus selten ins Spiel gebracht werden. Denn wenn dies getan würde, könnte niemand mehr behaupten, in der Oktoberrevolution oder in der Machtergreifung durch andere kommunistische Parteien sei eine sorgfältige Umsetzung der von Marx und Lenin oder irgendeinem ihrer Schüler verkündeten Ideen zu erkennen. Es wäre tatsächlich schwer zu behaupten, dass die Entwicklung im Sowjetstaat durch einen solchen ursächlichen Zusammenhang beherrscht wird, da die Politik den Anforderungen der marxistischen Philosophie entspricht. Wer wäre zu diesem Zweck fähig, von Tag zu Tag neu zu bestimmen, welches diese Anforderungen sind? Und wer würde dafür als kompetent gelten?
Und trotzdem wird die kommunistische Ideologie breit untersucht, um Einsichten in die kommunistische Praxis zu erhalten. Sie wird allgemein als wesentlich für unser Verständnis des Kommunismus als eines umfassenden Systems sozialer und politischer Organisation betrachtet. Es besteht keinerlei Grund, warum eine identische Methode nicht auf den Faschismus angewendet werden sollte. Überdies hat Professor Eugen Weber herausgestellt, dass wir selbst dann aus der Untersuchung faschistischer oder nationalsozialistischer Manifeste beträchtlich lernen können, wenn diese nicht vollständig oder überhaupt nicht umgesetzt worden sind. Dies gilt besonders dann, wenn wir sie mit ähnlichen Programmen oder Doktrinen vergleichen, die in anderen Ländern und möglicherweise unter anderen Verhältnissen entwickelt worden sind. Politiker wissen ebenso wie Politikwissenschaftler sehr wohl, dass Plattformen und Ideologien Bedeutung zukommt. Teilweise erzählen sie uns tatsächlich etwas darüber, was ein Kandidat und seine Partei denken (gerne denken würden oder wünschen, dass die Öffentlichkeit denkt, dass sie es denken), und teilweise spiegeln sie die Meinung der Öffentlichkeit wider, nämlich bezüglich der Themen, die diese Öffentlichkeit wahrscheinlich ansprechen, damit sie entsprechend wählt oder in irgendeiner anderen Weise unterstützend wirkt.
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Faschismus. Sie beschränkt sich auf den Faschismus und ignoriert den Nazismus absichtlich. Dies geschieht sowohl aus Gründen des Platzes und der Arbeitsteilung mit anderen Autoren als auch aus inhaltlichen Ursachen. Eine Diskussion des Nazismus hätte die Betrachtung weit über das hinaus ausgeweitet, was vernünftigerweise im Rahmen dieses Bandes erreicht werden kann, denn Nazismus kann meiner Meinung nach nicht als eine bloße Variante des Faschismus behandelt werden. Seine Betonung des biologischen Determinismus schließt alle Bemühungen aus, ihn als solche zu betrachten. Bereits diese Frage ist hochkompliziert, und eine Untersuchung der spezifischen Charakteristika des Nazismus in Bezug auf seine Gemeinsamkeiten mit dem Faschismus würde weniger ein Studium des Faschismus erfordern, als vielmehr eine vergleichende Analyse von Faschismus und Nazismus. Dies bleibt selbst dann richtig, wenn man den Nazismus als eine Verschärfung des Faschismus betrachtet. Die neue Qualität einer politischen Erscheinung ergibt selbst ein neues und davon abweichendes Phänomen. Dies soll nicht heißen, dass es in bestimmten Strängen des Faschismus nicht ebenfalls einen rassistischen Faktor gegeben hätte. Beispielsweise gab es in Frankreich eine Strömung des Faschismus, die in dieser Hinsicht dem Nazismus stärker ähnelte als dem italienischen Faschismus. Trotzdem zwingen uns die offenkundigen Tatsachen insgesamt zu dem Eingeständnis, dass es einen Punkt gibt, ab dem der Grad des Extremismus einer politischen Bewegung radikal den grundlegenden Charakter dieser Bewegung verändert.