Verbrecher Verlag

Startseite

Verlagsprogramm
(mit Bestellfunktion)


Belletristik

Sachbuch/Politik

Stadtbücher

Kunst/Comic

Schnäppchen

Vorschau/Vorbestellen

T-Shirts

CD / DVD

Warenkorb

vergriffene Titel

Verbrecherversammlungen

Lesungen

Textarchiv

AutorInnen

Newsletter

Tafelmuzak

Links

Kontakt

Das aktuelle Programm
zum Download


Die Elfe im Schlafsack
Von Wolfgang Müller
 
Dass Island ein besonders reiches Vorkommen von Elfen und Zwergen aufweist, ist hinlänglich bekannt. Ihre Wohnorte finden sich jedoch nicht ausschließlich in den wilden, unberührten Naturlandschaften der Insel. Im Gegenteil, einige Elfen- und Zwergenarten scheinen von der Anwesenheit des Menschen regelrecht angezogen zu werden.
Ähnlich den Weißstörchen und Füchsen in Mitteleuropa haben Elfen und Zwerge gelernt, die Vorzüge einer Niederlassung in der Nähe menschlicher Behausungen zu genießen. Doch nur einigen Kobolden gelingt es problemlos sich im Haus, zumeist im Keller oder unter dem Dach dauerhaft anzusiedeln. Die etwas scheueren Elfen bevorzugen als Wohnraum Steine in Gärten und öffentlichen Anlagen. Dabei kommt es gelegentlich zu Konflikten mit den Menschen, die die Steine - meist ahnungslos - aus unterschiedlichsten Gründen verrücken oder abtragen wollen.
Das Astloch als Wohnort einiger Elfenarten so wie es Jacob Grimm aufführt, scheidet in Island mangels Baumbestand nahezu aus. Es gibt zwar durchaus einzelne Bäume, am Skaftafell und der Þorsmörk sogar kleinere Wälder, kaum jedoch Bäume mit Höhlungen. Solche wären auch wohl nach dem ersten Herbststurm zusammengeknickt. Aus diesem Holzmangel ist auch der Klabautermann in Island nur als auswärtiger Schiffskobold bekannt. Er erreichte früher vorwiegend mit dänischen, englischen oder deutschen Schiffen das Land.
Konflikte der Menschen mit Elfen und Zwergen werden in Island auch heute noch leidenschaftlich diskutiert und gewissenhaft registriert. Ein bekanntes Beispiel soll hier den Stellenwert, den die Naturwesen auf der Insel innehaben, verdeutlichen. So steht im Nordosten von Reykjavík mitten auf einem Parkplatz ein großer Basaltblock, der jedem Einwohner des Landes als Wohnort einer Elfensippe bekannt ist. Der Leiter der örtlichen Elfenschule, der Historiker Magnús Skarphéðinsson berichtet: "Dieser Stein sollte vor sechzig Jahren beim Bau des Parkplatzes entfernt werden. Nebenan befand sich seinerzeit eine Hühnerfarm. Noch bevor die Pläne in die Tat umgesetzt werden konnten, fingen die Hühner auf einmal an, weniger Eier zu legen. In der ersten Woche sank die Eierproduktion um die Hälfte und ging dann innerhalb von drei Wochen auf Null zurück. Heimische Medien wurden zu Rate gezogen und was einige schon vermutet hatten, entpuppte sich schon bald als Tatsache: Der Stein war Wohnort einer Elfenfamilie, deren Mitglieder den Medien im Traum bereits zahlreiche Vorwarnungen gesandt hatten. Er blieb an seiner Stelle und kurz darauf fingen die Hühner wieder an Eier zu legen."
Für Menschen bleiben Elfen meist unsichtbar. Nur hin und wieder treten sie in Erscheinung, wenn sie die Hilfe der Menschen bedürfen oder ihre Hilfe anbieten. Die Unsichtbarkeit der Zwerge wird meist mit einem bestimmten Kleidungsstück erklärt, ein Mantel, eine Kappe, durch deren plötzliches Abwerfen sie auf der Stelle sichtbar werden. Es gibt aber auch Beschreibungen von Situationen, in denen ein Mensch einem Zwerg die Kappe durch eine List entreisst und ihn so gegen sein Willen sichtbar macht. Die Nebel- oder Tarnkappen der isländischen Zwerge sind nach den Beschreibungen der Elfenbeauftragten des Reykjavíker Baustadtamtes, Erla Stefánsdóttir nicht nur spitz und rot, sondern auch gelb, grün und blau gefärbt und weisen unterschiedlichste Formen auf. Ein Zwerg mit Mütze ist daher unsichtbar, sichtbar für Menschen sind nur solche ohne Kopfbedeckung. Insofern ist der Gartenzwerg wie er in manchem deutschen Vorgarten als Skulptur zu finden ist, eine Absurdität, eine Chimäre.
Aber es gibt auch gewisse Pflanzen und Steine, die die Fähigkeit des Unsichtbarmachens besitzen oder selbst unsichtbar sind. Eine spezielle isländische Steinart ist der Huliðshjálmsstein, der Tarnhelmstein. Er ist nicht Wohnort einer Elfe noch Körperteil eines versteinerten Trolls, wie oft fälschlich vermutet wird, sondern die versteinerte Kopfbedeckung eines Zwerges. Der Huliðshjálmsstein ist - solange er nicht berührt wird - sichtbar. Das war vor einigen Jahrtausenden anders, doch dazu später mehr.
Die Magie des Huliðshjálmssteines entfaltet sich, wenn er in körperlichen Kontakt mit bestimmten Lebewesen kommt. Dazu zählen allerdings nicht die sogenannten niederen, wie die ihn möglicherweise bedeckenden Flechten, symbiotische Lebensgemeinschaften von Pilz und Alge und auch nicht Insekten, die gelegentlich über diverse Steine huschen, sondern ausschließlich höhere Säugetiere inklusive des Menschen. Frösche, Lurche und Schlangen gibt es auf Island überdies nicht, insofern liegt bislang keine Kunde darüber vor, wie sich die Angelegenheit mit Amphibien verhält.
Ein weiterer Stein, dem bestimmte Kräfte zugeschrieben werden, ist der Obsidian, isländisch Hrafntinna, Rabenstein. Dieser Stein, in einen Hof getragen, erzeugt unter den Bewohner Streit und Zwietracht. Gelegentlich wurde er von Observatoren statt geschwärztem Glas zur Beobachtung der Sonne verwendet.
Dann gibt es noch den lausnarstein, das heißt Erlösungs- oder Entbindungsstein. Dieser ist allerdings kein Stein, sondern die harte Hülsenfrucht der Mimosa scandens. Sie treibt zusammen mit dem Holz aus Amerika an die isländische Küste.