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| Von Jürgen Kiontke | |
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| Wer ist Dietrich Kuhlbrodt? Diese Frage stellt sich der Mann auf seiner Internetseite selbst (www.dkuhlbrodt.de.vu/). Wir erfahren: Er ist Schauspieler, Träger eines antifaschistischen Ordens und Filmkritiker und als Reminiszenz an Kritik, Politik und Schauspiel schlug er zudem die Laufbahn des Staatsanwalts ein. denn Staatsanwalterei hat neben der Angeklagtenkritik laut Kuhlbrodt Aussage viel mit Schauspiel zu tun, und er scheint erfolgreich gewesen zu sein. "Die Rechtsanwälte und Richter bescheinigten mir des öfteren eine passable Leistung", sagt er, "ungeachtet der Tatsache, dass da in der Regel schon alles hinter den Kulissen abgekaspert wird." Da die Kuhlbrodt-Familie so etwas wie eine Talentschmiede zu sein scheint, kommt das professionelle Gebaren in der Öffentlichkeit nicht von ungefähr: Großvater war Schauspieler, Bruder ist es auch. So ist nur logische Folge, was Kuhlbrodts Ehefrau Brigitte Kausch, selbst Schauspielerin und Malerin, so zusammenfasst: "Der Didi ist doch hemmungslos kamerageil." Geil auf Kamera und ihr Umfeld war ich nicht unbedingt, als ich mir die Eingangsfrage, Wer Kuhlbrodt ist, stellte: Der Anlass war viel banaler. 1995 begann ich meine Karriere als Redakteur der Tageszeitung junge Welt und ich und meine Kollegen Stefan Ripplinger und Heike Runge waren nach einigen Redakteursabwanderungen und einer passablen Pleite des Betriebs gezwungen, die wichtigsten Kulturbereiche im Rahmen des Feuilleton-Ressorts zu ordnen. Runge zog`s zur Literatur, Ripplinger zum Politischen Buch und der Gesamtverantwortung, und mich zu Bildender Kunst, Popmusik und Filmkritik. Jeden Donnerstag hatte ich fortan eine Doppelseite zum Thema aktuelles Kino zu liefern. Da stand ich dann da mit leeren Taschen resp. leerer Autorenkartei, weil Berufsanfänger - nun war es an mir, was aufzubauen aus Mitteln in Höhe von 65 Pfennig pro Zeile und sonst auch wenig mehr, als dem Ruhm, einem wahrhaft linken Projekt zu dienen. Ich wühlte also in den Telefonnummern Ripplingers herum, der den Job ja immerhin schon ein Jahr machte, wohlweislich, dass da vielleicht was zu finden sein könnte, mehr jedenfalls, als ich Ahnung von der Scheiß-Filmkritik hatte - Kino fand ich irgendwie langweilig, wenn es nicht, wie zu meiner Schul- und Studentenzeit fleißigst eingeübt, dazu dienen konnte, mit der Liebsten, hinter der ich her war, zwei Stunden im Dunkeln zu sitzen, hinterher mit ihr einen saufen zu gehen und auf der Matratze zu landen. Wobei dies wahrscheinlich nicht die schlechteste Umgangsweise mit dieser Kulturtechnik ist; aber jetzt stellten sich doch gewaltige andere Aufgaben und Ressortleiter Ripplinger, hätte es nicht unbedingt gut gefunden, wenn derlei Stoff jede Woche abgedruckt worden wäre. In der Autorenkartei fand sich auch Kuhlbrodt. Ripplinger war Autor der Zeitschrift "konkret", und da hatte ich doch immerhin mal Sachen des Filmkritikers Kuhlbrodt gelesen - radikal ichbezogen, reportagehaft, anekdotenreich. Kann ich den fragen?, fragte ich mich. Der hat uns doch bestimmt nicht nötig. Ich überwand meinen Respekt vor Respektpersonen und rief ihn an. Er zeigte sich spontan bereit, mir unter die Arme zu greifen. Und wie sich bald herausstellte, hatte seine Beamtentätigkeit auf mich die besten Auswirkungen. Im Gegensatz zu diesen Filmkritik-Hippies, die bei uns sonst so schrieben, hielt der den Redaktionsschluss penibel ein: Meist kamen die Texte vier Wochen im Voraus, und zwar auf Diskette (e-mail hatten wir noch nicht). Bald war ich, obwohl nur Germanistik-Magister, eingearbeitet. Kuhlbrodt und mich einten filmkritikerseits Vorlieben für Actionfilme, drastische Sprache, abrupte Wendungen und der Hass auf das pseudopsychologische Geschwafel der gängigen Filmkritik-Ikonen à la Elisabeth Bronfen und Sabine Horst, die in Zeitungen wie der "Frankfurter Rundschau" schreiben, wo übrigens auch Kuhlbrodt schreibt, und dann da seltsamerweise genau den selben langweiligen Kram wie die beiden Kulturprofessorinnen - media ist the message. Alsbald putschten wir uns gegenseitig hoch. Dietrich, sagte ich, du gehst mir in den neuen Jackie-Chan-Film, und dann will ich den abgedrehtesten Text zu diesem Film, der in der deutschen Presselandschaft erscheint, von dir haben. Das Ergebnis ließ kaum zu wünschen übrig. Am Tag seines Erscheinens freute ich mich nicht nur ob dieser hammermäßigen Besprechung, die Jackie Chan vielleicht nie lesen wird. Aber den 21-year-old-Praktikant Markus Bickel in der Frühbesprechung fassungslos sagen ließ: "Ehrlich gesagt, ich hab kein Wort davon verstanden." Wir ließen uns aber kaum beeindrucken. Wir sind links und radikal und dass auch in der Sprache und allem anderen auch. Der nächste Coup: Kuhlbrodt wurde Honorarprofessor in Bremen, wo er alsbald feststellte: "Du, 'Honorar-' heißt hier nicht, dass man Kohle kriegt, sondern dass man ehrenhalber arbeitet - so ein Scheiß!" Mit den ihm anvertrauten Studenten machte er auf wilde Sau, alsbald kamen Gerüchte, er schlage dort Purzelbäume und lehre: Vergesst nie, dass ihr diejenigen seid, die diesen Film sehen - also vergesst nie, eure anteilig wichtige Rolle des Rezipienten bei der Konstruktion des Gesamtwerks. Eines der Ergebnisse, den Text des jungen Studenten Florian Scheibe, schickte er mir und wir druckten ihn umgehend: eine zunächst herkömmliche Filmbesprechung, bis der Autor merkt, dass vor ihm Mehmet Scholl sitzt und er sich anhand der Reaktionen des Fußballers den Kopf zerbricht, was sich wohl Scholl denkt, wenn auf der Leinwand die Laser ausgepackt werden - ein Meilenstein der Filmgeschichte. Kuhlbrodt war begeistert. Dass mit dem Honorar war dann allerdings Jahre später wieder ein Thema: Kuhlbrodt wurde Führer der Schlingensief-Partei "Chance 2000" und in der Funktion hatte zwar nicht er rund 100.000 Mark in den Sand gesetzt, sondern der Theatermacher Christoph Schlingensief. Aber alle Papiere unterschrieben, die hatte der Staatsanwalt. Eines Tages stand er in meiner Wohnung, total außer Puste riss er sich die Oberkleidung vom Körper, und war schwer verwirrt: Man habe ihm das Amt des Fernsehrichters angeboten, und da ich mittlerweile auch beim Fernsehen gewesen war, allerdings als Praktikant der Verona Feldbusch, und gelernt hatte, dass 50 Prozent der Arbeit beim Fernsehen aus Verträge abschließen besteht, möge ich ihm beistehen. Man biete ihm 500 Mark Tagessatz an, er brauche das Geld wegen der Parteischulden dringend, das halbe Häuschen sei noch nicht abbezahlt, die Frau Kausch reiße ihm den Kopf ab. Er müsse aber nach Köln umziehen und auch noch die Fälle recherchieren. Lass den Scheiß, kommentierte ich. Und zum Glück hat sich das mit den 100.000 Kröten irgendwie aufgelöst. Diese Episode zeigt, wie freigebig der Mensch mit seinen Ressourcen umging; und das war nicht nur Geld, sondern neben Filmkritiken auch seine Staatsanwaltsrobe, die er der "junge Welt"-Leserwerbeaktion "Ich geb mein letztes Hemd" zur Verfügung stellte. Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen, denn kurz drauf schmiss uns Geschäftsführer Koschmieder in hohem Bogen und fristlos raus. Denn, wie er sagte: Ein sozialistischer Betrieb im Kapitalismus müsse kapitalistischer geführt werden als ein kapitalistischer. Ja, leck mich doch, Scheiß Sozialismus. Die Frage: Wer ist Dietrich Kuhlbrodt? war mir danach beantwortet: Performer vor dem Herren mit Häuschen in Blankenese, das war dann die nächste Erkenntnis. Zwei Monate überließ er mir seine Hütte, um mein Vroni-Feldbusch-Praktikum zu absolvieren, mein Nachbar hieß Stefan Aust, von dem Dietrich sagt: "Ich finde es Wahnsinn, wenn dieser 'Spiegel'-Chefredakteur Sonntag morgens mit Reiterstiefeln aus der Haustür tritt - ein echter Herrenmensch!" Wie komme ich von Stefan Aust nun zu dem Memoiren-Band "Kuhlbrodtbuch". Vor rund zwei Jahren habe ich begonnen, für den Verbrecher-Verlag zu arbeiten. Jürgen, sagte Jörg Sundermeier, einer meiner früheren "junge welt"-Autoren, mittlerweile ein viel gefragter Zeitungsfeuilletonist, Hauptverbrecher und Organisator der "Verbrecherversammlungen" im Kaffee Burger, Jürgen, wir haben schon so oft von dir abgeschrieben, da ist es gerecht, dass wir auch ein Buch mit dir machen. Als Produzent eher kurzer literarischer Formen fühlte ich mich hoffnungslos überfordert. Heraus kam dann aber eine Verbrecherversammlung mit mir in der Hauptrolle, und die kam gar nicht schlecht an. So war der Kontakt zum Verlag schon mal da. Nach der "jungen Welt" hatte ich meine Arbeitsbiografie um einige üble Kapitel - freier Filmkritiker, "Goldenes Blatt"- und "Bild der Frau"-Autor, Busentester-Statist, Internetredakteur, Chefredi einer Gewerkschaftszeitung (in der ich, logisch, Kuhlbrodt schreiben ließ und auch mal ein Gemälde von ihm anforderte, den "Referentenentwurf zu einer Reform des Betriebsverfassungsgesetzes" zu malen - ich erhielt einen geworfenen Referenten) und dergleichen mehr - erweitert, so gab`s alle drei Monate dienstags im Burger was neues zu erzählen. Irgendwann trafen Sundermeier und ich uns zu einer Planungssitzung, die sehr konstruktiv war, von der aber infolge starken Genussmittelkonsums genau ein Projekt übrig blieb, und ich kann mich auch nur noch an diesen einen Satz, den ich ihm an den Kopf brüllte, erinnern: "Und dann hauen wir die Memoiren von Dietrich Kuhlbrodt raus!" Ich schlug mich als Lektor vor, denn Kuhlbrodt und ich arbeiteten ja schon Jahre so zusammen - er Autor, ich Redakteur -, im Hinterkopf hatte ich natürlich den verdienten Ruhm des Autors Kuhlbrodt (Honorar-, sic) im Kopf und für mich den ersehnten Ferrari, den ich von den Verbrechern hoffentlich dafür vor die Tür gestellt bekommen sollte, wie das einst der Suhrkamp-Verlag mit seinem Autor Hermann Burger gemacht hatte (der kurze zeit später Selbstmord beging). Ein Buch hatte ich aber noch nie lektoriert, und da geht ja ein Traum in Erfüllung, ich als studierter Germanist - und war ich nicht nach Berlin gekommen, um beim Rotbuchverlag ein Praktikum zu machen, also zum Bücher machen, wo der Scheißrotbuchverlag eine Woche vor Beginn nach Hamburg verkauft und die Belegschaft halbiert wurde, so dass kein Platz dort für mich war und ich zur ungeliebten Tagespresse ging? Und war es nicht auch für Dietrich das erste Mal, ich meine jetzt: ein Buch schreiben? Ich hätte es natürlich besser als Hermann Burger gemacht. Für Kuhlbrodt, mich und die Verbrecher sollte also die Bedeutung des Wortes "Honorar" nicht mehr nur die ehrenhalbere Konnotation haben, wir wollten richtig absahnen. Kuhlbrodt auch, aber plötzlich überkam ihn die berechtigte Eitelkeit des Künstlers: das erste Mal überzog er den Abgabetermin für ein Manuskript - und dann gleich um drei Monate. Dann aber schickte die 10.000er Zeichenpakete im Tagestakt. An der Endkorrektur zeigte er hingegen weniger Interesse: Die Verbrecher mussten statt dessen alle Mühe aufwenden, ihn von dem Plan abzubringen, auf jeder zweiten Seite ein Bild von Kuhlbrodt zu drucken - zu teuer beschieden sie ihm. Nun: im "Kuhlbrodtbuch" geht es ja um Erinnerung. Der Hamburger Psychiater Karl Heinz Roth wird dort zitiert, und der sagt: Man kann sich nur an Dinge erinnern, die in den letzten sieben Jahren stattgefunden haben. Wenn man sich vermeintlich an älteres erinnert, dann erinnert man nur Erinnerungen aus den letzten sieben Jahren. Wenn das mal stimmt: Meine Erinnerung währte schlichtweg nicht mal ein Jahr, und es ist Verdienst der Verbrecherverleger, mich darauf aufmerksam gemacht zu haben. Als ich meine Rechnung für das dreiwöchige knackeharte Lektorat der 500.000 Zeichen Kuhlbrodterinnerungen vorlegte, monierte Geschäftsführer Labisch: ?Eh, wir hatten 500 Mark ausgemacht, nicht 500 Euro. Worauf ich im Andenken an Burgers Ferrari und leicht pikiert eine Rechnung schickte, die die Summe 500.000 Euro enthielt. Die bekam ich dann leicht korrigiert zurück: 253 Euro und ein paar Zerquetschte waren da noch übrig. Nix mit Ferrari. Aber manche traf es noch viel härter, zum Beispiel den armen Autor, dem ich das erzählte. "Wie, was, du hast Geld bekommen dafür? Und ich?" Während ich mir also immerhin nun den Ferrari-Zigarettenanzünder leisten kann, bleibt für Dietrich nur die Erinnerung daran, was für ihn schon immer das Wörtchen "Honorar" wie in Honorarprofessor bedeutete: Nix in der Tasche, aber die silberne Ehrennadel. Und das Privileg, vor Publikum die Molly machen zu können. Über den ökonomischen Erfolg des Buches vom Purzelbaum schlagenden Professor, der sich immerhin von einer Schauspielerkollegin in einer Hamburger Theateraufführung einen runterholen ließ, nur soviel: Dieter Bohlen kam uns dazwischen. |
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