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| Von Max Müller | |
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| Dieses Buch von Max Müller vereint Geschichten und Gedichte über melancholische Schlangen, verirrte Kinder, euphorische Filmteams, verlorene Lieben und leuchtende Sterne. Es ist wie die darin abgebildeten Bilder: genau, aber freundlich. Sie Sie hatte nichts von dem, was man bei Frauen schätzt. Sie sah nicht gut aus, noch war sie mit übermäßiger Intelligenz gesegnet, noch konnte sie kochen. Sex war überhaupt kein Thema. Und doch liefen die Männer in Scharen hinter ihr her. Wie eine Horde läufiger Hunde. Sie selbst tat weder etwas für ihre Figur, noch für ihr Äußeres. Sie rauchte wie ein Schlot, trank Unmengen Whisky, oder was sie sonst kriegen konnte, und sie stank wie ein Rudel Otter. Männer jedoch verehrten sie, hoben sie in den Himmel und schwärmten den eigenen Frauen gegenüber von ihr. Auf ihre Garderobe achtete sie nicht besonders. Wie auch, sie hatte nur ein Kleid. Und das war übersät von Fettflecken und Achselhaaren, die sie in zunehmender Anzahl verlor. ?Brauch ich nicht mehr rasieren?, dachte sie. Was sie aber sowieso nie tat. ?Darf ich Ihnen Feuer geben?", säuselte ihr, kaum, dass sie sich breitbeinig auf den, für ihre voluminöse Figur viel zu kleinen Stuhl gesetzt hatte, ein Jüngling, der just einer Calvin Klein-Werbung entsprungen schien, ins Ohr. ?Danke", erwiderte sie barsch, ?ich hab mein eigenes?. Um kurz darauf umständlich ein viel zu großes, in Dollarform gestaltetes Feuerzeug aus ihrer, mit Unrat vollgestopften Plastiktasche mit dem Aufdruck ?Big Snapper" hervorzukramen. Verschämt schlich der Jüngling von dannen. Das Lokal, in dem sie zu dinieren pflegte, war eines der teuersten in München, das ?Traugotthaus?, hier war ein Vier-Sterne-Koch Chef. ?Er kocht nur auf ihren Wunsch Grünkohl mit Pinkel oder Labskaus", raunte man sich hinter vorgehaltener Hand zu. Anscheinend störte es hier niemanden, dass sie laut rülpsend und schmatzend ihre Mahlzeiten zu sich nahm und ab und zu einen Furz entweichen ließ. Im Gegenteil - das Personal benahm sich ihr gegenüber so, als ob ihnen die Queen Mum und der Papst gleichzeitig eine Audienz geben würden. Während des Essens rauchte sie natürlich. Wenn andere Gäste es wagten, ihr scheu einen Blick des Unmuts über ihre despektierlichen Manieren zuteil werden zu lassen, konnte es schon mal vorkommen, dass sie dies mit einem ?Essen sie ruhig weiter. Es stört mich nicht, wenn ich rauche", quittierte. Nach dem Essen stand sie auf und ging ohne ein Wort zu sagen. Natürlich ging sie nicht ohne ein Paar Stühle samt Gästen umzuschmeißen von dannen. Niemand lief ihr hinterher - im Gegenteil - das Personal stand in Grüppchen herum und tuschelte bewundernde Worte. Worte der Anerkennung für ihr Lebenswerk, was für eine Person der Gegenwart sie doch war, was sie alles schon getan hätte, und dass man sie doch in irgendeiner Form ehren müsse. Die anderen Gäste saßen herum und wurden nicht bedient. Das Riesenapartment, das sie in Gasteig besaß, gab sie irgendwann auf. Frei wollte sie sein, nicht gebunden an irgendwelche Werte, die ihr sowieso nichts bedeuteten. War sie müde, legte sie sich hin, wo sie gerade war. In der U-Bahn zum Beispiel. Von den schwarzen Sheriffs, die dort die Aufsicht führten, hatte sie nichts zu befürchten - höchstens, dass diese sie um ein Autogramm für ihre Kinder oder ihre Frauen baten. Worauf sie meist unwirsch, den armen Leuten jede Menge Speichel, vermischt mit Essensresten, entgegen spuckend erwiderte: "Haut ab, ihr Faschisten, ihr Schweine, fickt eure Alten, aber lasst mich in Ruhe.? Oder bei ?Fliege?, dem Partyausstatter. Auf einer seiner zahlreichen Promi-Parties, kam es schon mal vor, dass sie völlig betrunken auf einen Buffet zwischen einer Eisskulptur vom Brandenburger Tor und einem Stachusnachbau inmitten von toten Hummern einschlief. Man fand das ?very amusing". Meist war am anderen Tag ein Bild von ihr in der Boulevardpresse. Als der Höhepunkt einer eher langweiligen Party. Mit zunehmenden Alter wurde sie unansehnlicher. Durch das Schlafen auf der Straße hatte sich eine Schuppenflechte an ihren Beinen gebildet, die sich hinauf bis zu ihren Innenschenkeln zog und anfing, Flüssigkeit abzusondern. Ihr Gesicht war dunkelbraun und von tiefen Falten durchzogen, ihre Lippen waren rau und aufgeplatzt. Das alles tat ihrer weltweiten Popularität jedoch keinen Abbruch. Vereinzelt überlegten Präsidenten, ihr Land nach ihr zu benennen oder doch zumindest ihren Namen als Zusatz tragen zu lassen. Freizeitparks wurden nach ihr benannt. Eine Supermarktkette trug ihren Namen, mehrere Jugendbewegungen trugen - wenn auch abgekürzt - ihren Namen. Kurzum, in der ganze Welt grassierte das Fieber, das diese unansehnliche, keinerlei Ausstrahlung besitzende, alte Frau auslöste. Im Hochsommer starb sie mit einer Flasche Korn im Arm in einem Rinnstein. Sie stank abscheulich. Ihre Leiche wies kaum noch Stellen auf, die nicht von eitrigen Ekzemen übersät waren, die mit dem Dreck verwuchsen. Die kahlen Stellen zwischen den verknoteten Haarbüscheln waren vom ständigen Kratzen blutrot bis schorfbraun. Dazwischen schimmerten letzte Reste von weißer Haut. Ihr Nachlass bestand aus einer einzigen Plastiktragetasche, in der man auch nach intensivster Suche nichts Geheimnisvolles oder Erklärendes fand. Einen Kamm und den seit zwei Wochen abgelaufenen Pass brachte man in ein extra für sie errichtetes Museum. Mehr hinterließ sie nicht. |
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