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| Neuköllnbuch | |
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| Vorwort Der Bezirk Neukölln, südöstlich neben den einstigen Stadtmauern Berlin-Cöllns gelegen, besteht aus den ehemaligen Dörfern Britz, Buckow, Rudow und Rixdorf. Rixdorf, das 1899 zu einer eigenständigen Stadt wurde, vergrößerte sich im 19. Jahrhundert mit unglaublicher Geschwindigkeit ? zwischen 1830 und 1890 stieg die Einwohnerzahl von rund 2500 auf 80000. 1920 wird dann die Stadt Rixdorf mitsamt der umliegenden Dörfer in das entstehende Groß-Berlin eingemeindet, inzwischen leben über 250000 Menschen hier, ab 1922 bekam der Bezirk dann den Namen Neukölln. Heute hat Neukölln rund 320000 Einwohner. Neukölln ist damit so groß, dass es auch bei der jüngsten so genannten Bezirksreform ein eigenständiger Bezirk blieb. Bis heute sieht man dem Stadtteil allerdings die dörflichen Ursprünge an, es gibt hier zwei Mühlen, vier klassische Dorfkirchen, eine Schmiede, das sogenannte Böhmische Dorf und zudem das Britzer Schloss mit seinem Gutshof. Umstellt werden diese Orte, an denen einen ein abendliches Rindermuhen nicht verwundern würde, allerdings von klassischen fünf- und sechsstöckigen Mietblöcken, aus mancher blühenden Wiese wurde eine Gropiusstadt, und manche kleine Idylle wird vom riesigen Estrel-Hotel in ewigen Schatten verdammt. Neukölln ist verschrien im Rest der Bundesrepublik, man weiß von hohen Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerzahlen, liest erschrocken Reportagen über eine grassierende, von ausländischen Jugendlichen dominierte Gewalttäterszene, von Alkoholikern und von Gebeutelten, die hier umherschleichen. Und selbst viele Berlinerinnen und Berliner, die es besser wissen könnten, rümpfen die Nase, wenn sie über Neukölln reden, und flüchten sich, nachdem sie den berühmten Karstadt am Hermannplatz aufgesucht haben, schnell in ihre vermeintlich ruhigeren Stadtteile zurück. Neukölln ist als ganzes ? stellt man es ins Verhältnis zu Kreuzberg oder Mitte ? ein recht geschichtsloser Bezirk, vier Dörfer, große Bauvorhaben, kleine Sanierungsbemühungen, doch gibt es hier keine Ministerien, keine weltberühmte Kneipenmeile, keine auffällige linksradikale Szene, keine Gentrifikation, keine Slums. Neukölln ist hässlich und Neukölln ist schön. In diesem Bezirk ist zu leben. Wie gut und wie schlecht, davon erzählen die Beiträge in diesem Buch. Anders als das ?Kreuzbergbuch? und das ?Mittebuch?, mit denen dieser Band eine Reihe bildet, gibt es hier keinen Mythos, der kritisiert werden könnte. Kreuzberg stand in den Achtziger Jahren für einen Traum vom besseren Leben, Mitte stand in den Neunziger Jahren für einen Traum vom schönsten Kapitalismus. Beide Träume sind gescheitert. Neukölln hat keinen Traum. Berlin, November 2003 Verena Sarah Diehl, Jörg Sundermeier, Werner Labisch |
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