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| Von Dietmar Dath | |
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| Entgegen allem, was irgendwie einer produktiven Atmosphäre zuträglich, gesund oder sonst sinnvoll wäre, möchte ich den Abend mit einem Experiment beginnen. Wir kennen ja alle von Kinobesuchen her die sogenannten Trailer, die uns vor dem Hauptfilm darüber unterrichten, was demnächst sonst noch so alles läuft. Daß es das bei Lesungen bis jetzt nicht gibt, wundert eigentlich keinen, und daß das keinen wundert, das wiederum wundert mich. Vielleicht führt man es einfach nicht ein, weil es irritierend wäre, weil es zuviel kostet, weil es dämlich ist und nicht funktioniert - um das aber rauszukriegen, muß man es mindestens einmal ausprobieren dürfen, und deshalb opfere ich mich jetzt also und mache hier mal aufmerksam auf ein Buch, das demnächst im Verbrecher Verlag erscheinen wird, auch wenn weder der Autor noch der Verlag davon bis jetzt irgend etwas gewußt haben. Die normative Kraft des Faktischen, die Akklamation, die Affirmation, die Zustimmung, die ich in diesem Raum hier für das in Rede stehende Werk erzeugen werde, dürften ausreichen, um den Schritt vom Trailer zum fertigen Prachtband, vom Traum zur Wirklichkeit, von der Vision zum Mumpitz zu ermöglichen. Es geht um das neue Werk von Thor Knusper, mit dem dieser Autor sich nach den kontrovers diskutierten Erfolgen der jüngsten Zeit nun auch von seiner verletzlichen Seite zeigen wird, Richtung Kafka, W.G. Sebald, diese Schiene. Das Buch, über das man eigentlich nur voller Staunen sprechen kann, wird "Der gefaltete Regenbogen" heißen. Man mag vielleicht finden, das klänge kitschig oder so, aber man lasse sich nicht ins Vorurteil stoßen und mache sich vielmehr klar: es könnte doch auch ein gutes Buch sein. Ich habe davon zunächst erfahren aus der Frauenzeitschrift "Hallöchen", die an einschlägigen Kiosken wie Blei und Gift neben den Millionen sonstiger neuer Zeitschriften über Zähne und Steine und alte Socken in den Regalen thront oder rumliegt. Keiner kauft`s, nur wieder ich, und ich kauf` dann aber auch gleich drei Stück, zum Ausschneiden und neu wieder Zusammenkleben, um damit verblüffende Verfremdungs- und Verfinsterungseffekte zu erzielen, die meinen leeren und sinnlosen Tag ein bißchen ausfüllen. Denn von Arbeit kann man bei mir wirklich nicht reden ansonsten, deshalb sehe ich auch so gut aus. Nun handelt also das Buch ?Der gefaltete Regenbogen? von einer Reise ins Land der Sudetendeutschen, die dann rumstehen da in ihren langen Mänteln, mit dem Kopf schütteln und sagen: "Ei ei ei, Zefix Zefix, I woaß jo net, ob des no amol gut geht umanand." Hier ist dem Autor offenbar eine Verwechslung von Sudetendeutschen und Bayern gelungen, die sich aber auch anbietet. Denn die Parallele zwischen den beiden Völkern ist kraß offensichtlich: es sind im beiderseitigen, in jeglichem davon je vorhandenen einzelnen Fall Leute, deren totale Abwendung vom ethnisch-technologischen Vorsprung der Umgebung sie zu einer verminderten Volksrasse der verfolgten kleinen Männlein pervertiert, oder um das Fremdwort nicht einreißen zu lassen: sie umwidmet, und das an unerwarteter und peinlicher Stelle, in ihrem unmittelbaren Lebenszusammenhang. Das hat nichts zu tun mit Hitler, dieser bleibt vielmehr, einer der subtilen Kunstgriffe unters Gürteltier, mit denen der Autor sich mangels eines funktionierenden Gehirns geschickt zu behelfen weiß, übergreifend und ausnehmend gesamt draußen davor. Eine der schönsten Stellen des Buches ist die folgende: "Murmeln murmeln muß man gurgeln, in der dunklen Blut- und Suppenschule, wo die buchtige Grube ruft, unter Brudermord und Wutbrunnenlust, bis die nasse Aderlaß-Wasser-Hasskatze sich in ihrem Pratzenspaß verstrickt, wo die grünen Hühner blühen, wo der ugga ugga ugga eine Bubu-Gurke zuckend runterputzt." Das also ist eine der schönsten Stellen, vergleichsweise noch, den Rest kann man sich leider vorstellen, wenn das schon eine der schönsten Stellen ist, was soll man da noch viel sagen. Auch die, nennen wir es einmal: heimatkundliche Seite des Unternehmens ist nicht durchweg adäquat gemeistert, aber wenigstens noch unnötiger. In dem Land, das der Schriftsteller schildert, ist es, wie eine wissenschaftlich akribatisch vorher ausrecherchierte Stelle im Stil vom alten Musil gut erwähnt, immerzu, ich zitiere: "Neunundsechzig Wärmegrad pro Patent am Luftdruck." Was ein bißchen auch wieder so eine Formulierung ist wo man kurz nachdenken muß: was könnte nur gemeint sein? Vermutlich aber bloß nichts bestimmtes, denn es fließt dem Autor nur so hin. Es ist eben alles frei erdacht und erdichtet, denn dieser Autor ist schon ein ganz schönes Kaliber. Das benutzt dann halt seine Fantasie, wie es dem Kaliber eben paßt, und darob hätte es sich mal was zu schämen, wäre denn der Maßstab noch vorhanden. Aber der Maßstab ist angeknabbert von der kleinen Rattimaus, und die kleine Rattimaus, die läuft danach ins Hexihaus. Solche Gedichtsprenkelchen sind auch dauernd enthalten, es wird hier an dergleichen nie gespart, zum Beispiel auch: "Ein Zombie hängt am Glockenseil /drum greif ich sofort nach dem Beil/und wie ich ihn ganz klein zerteil- /vertreibt er mir die Langeweil." Deshalb hat auch der bekannte Literaturkritiker Hutz Bursch Ungemach von Utzenfelde in der Fischmagazinzeitung "Literaturlabereien" eine Notiz veröffentlicht, die der Verbrecher Verlag dick auf den Umschlag kleben wird, eine Notiz, in der dieser feine, seltene Mann mit Lob nicht knausert, sie lautet wörtlich: "Auch aufgrund der enthaltenen Reimbeispiele ist es ein Buch, das mir schon gefallen würde, vorausgesetzt, es wäre ein bißchen besser gelungen und nicht halt mehr so ein Fragment gescheiterter Träume und angestrengter Unzulänglichkeit." Einen vorsichtigeren Verlag hätte man damit schon zweimal um die ganze Welt in die Flucht geschlagen, aber der Verbrecher Verlag druckt es, und zwar ausschließlich, das muß doch auch mal anerkennend irgendwo ausgesprochen werden, ausschließlich aus den undurchsichtigsten und fadenscheinigsten Motiven. Befragt, wieso und warum, erklärt nämlich der Verlag: Wir sind im Moment nicht zu sprechen. Bitte rufen Sie einen ganz anderen Verlag an und stellen Sie dort in einschüchterndem Ton Fragen über alles mögliche, immer nur so Andeutungen wie: Ich wollte es nur mal aus Interesse wissen, man hört ja die dollsten Dinger. Der Verbrecher Verlag verspricht allerdings, sich noch mal selbst zu übertreffen, was die Einsortierung des Buches in allen besseren Fahrradläden angeht. Man wird es dort auf jeden Fall mit Kaugummi unter die Ladentheke kleben, damit nichts wegkommt, damit keiner hinterher sagen kann, es wäre nicht möglich gewesen, sich über diese traurige Scheiße zu informieren. Die meisten Feuilletonartikel sind auch schon fertig zur Sache, es steht drin, daß man das jetzt wirklich nicht mehr erwartet hätte, daß doch jeder Tag ein neues Wunder bringt und seit dem Elften November ist überhaupt nichts mehr dasselbe, noch nicht mal mehr das gleiche, man erkennt sich selbst und die eigene Mutter nicht mehr wieder und das sollte uns doch allen Anlaß sein, mal wieder bitte die alten Klassiker zu lesen, sonst passiert das Schlimmste, was der Artikelschreiber nicht mal andeuten will, so schlimm ist das. Als letztes muß man noch sagen, sehr gut sind speziell auch die Rezepte, die dem Werk beigegeben sind, denn sie enthalten das Nationalgericht und die verschiedenen Speisen der Sudetendeutschen, auch die B- und C-Gerichte im Menü dieses Volkes, das mit soviel Leid bombardiert wurde, weil wieder grad keiner hinguckte. Darunter, unter diesen Mahlzeiten, die schönsten sind vermutlich "Klemmfisch" und "Eiersachen". Speziell "Eiersachen" ist ein Produkt, wo man sich nur wünschen kann, es bleibt weit von uns entfernt, denn es ist unverdaulich bis ins Letzte, und wir sind doch nur froh, daß wir uns da dann lieber noch von dem Gekrümel ernähren, das woanders liegengeblieben oder fallengelassen wurde. Die schreckliche Hitze nämlich des Sudetenlandes, jeden Tag, führt kombiniert mit solchen Speisen zu Ohrenblaukrampf und Abspreizfuß, und das sind doch Tugenden, die wir nicht nötig haben sondern Friedrich Merz von der Christlich Demokratischen Arschpartei. Ich kann Ihnen also schon vorher nur eindringlich empfehlen, kaufen Sie sich statt diesem Buch lieber eine kleine Säge und sägen Sie an Ihrem Bett rum. Denn das schafft auch genug Zerstreuung und Abwechslung, und die Arbeitslosigkeit des Holzwurms wird gefördert, in diesen Tagen sicher ein Wirtschaftsfaktor von erlesener Qualität für ganz was besonderes. Ich denke das sind wir uns verdientermaßen auch möglich, und damit möchte ich für heute diesen Trailer absagen, er schmiert dann halt langsam aus gegen das mickrige Ende hin. (Text für eine "Phonon"-Lesung im Rahmen der 3. Linken Buchtage am 14. Mai 2004 in Berlin) |
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