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Dietmar Dath Phonon
Von Dietmar Dath
 

1
Man erzählte sich neue Gerüchte.
Der Versucher, hieß es, habe Roboter geschickt, die unter den Menschen herumliefen als deren Nachbarn, Kolleginnen, Freunde und Mütter.
Die GPI sei von solchen Robotern gegründet worden, hatte man früher in exzitatorischen Kirchenpamphleten lesen können- daran zumindest erinnerte sich Martin Mahr. Das war windige Spekulation gewesen, auf die kaum jemand etwas gab.
Inzwischen aber erkannte man offenbar auch bei Hofe an, daß diese Roboter tatsächlich existierten. Der Staat, wurde behauptet, suchte sie, fing sie, zerstörte sie wenn möglich.
Auch in Kandor geschah das.
Den Alltag störte nichts davon.
Die Leute kamen, die Leute gingen wieder weg; hier war alles, wie es zuvor lang schon gewesen war. Wenn es keine Alternativen gäbe, keine Konjunktive, wenn es nur eine einzige, im Kopf-All eines laplaceschen Weltautomaten ausgedachte Möglichkeit gäbe, hier zu leben, die sich von Sekunde zu Sekunde mit absoluter Zwangsläufigkeit entfaltete, und wenn in dieser einundeinzigen Möglichkeit-cum-Wirklichkeit Martin endlich imstande wäre, sich, beispielsweise, zu merken, ob man Timo Greiner, den er jeden Tag sah, nun hassen oder nicht doch eher mögen sollte, und ob Timo Greiner vielleicht einer dieser Roboter war, von denen die Gerüchte sprachen, dann würde klarer werden, worum es hier ging. Inzwischen war nämlich fast nichts mehr klar, aber sehr wenig, spürte Martin, würde sich daran je noch ändern. Zuviele Möglichkeiten, die einander überlappten, waren wahr: Leben in Pfadintegralen, Konjunktivbündel, schlimmer als jeder Determinismus. Nur manchmal erinnerte ein gutes Argument, ein Sound oder ein Lächeln in der Redaktion oder in der Kneipe daran, wozu das dann doch alles gut war, und man fragte sich in diesen Momenten, davon beflügelt, hin und wieder doch noch mal, ob es anders werden könnte. Wurde es dann allerdings nie, trotz der Epiphanien.
Eine Menge Leute waren dem nicht gewachsen.
"Es fällt mir auf, daß wir eigentlich viele Personen verbrauchen.", sagte Martin zu Helmut an einem dieser Abende, auf dem Weg zum Wienerwald unweit von Martins eben erst bezogener Wohnung, aus der er floh, so oft er konnte.
Ein Schneetreiben war aufgekommen, ein Wind ging zwischen den grauen und den schwarzen Häusern; all diese Fassaden sahen aus, als wären sie Osterinsel-Idolgesichter, die, als sie noch lebendig gewesen waren, eindeutig zuviel geraucht hatten.
Helmut legte den Kopf schief, um Martin anzudeuten, daß er nicht ganz gehört, nicht richtig verstanden hatte, was der hatte sagen wollen.
"Es gehen zuviele Leute drauf, bei dieser dummen Musikzeitung, an diesem Leben. Verblöden, werden größenwahnsinnig, paranoid, krank, traurig, einsam oder radikal böse, fallen von Gott ab und vom Recht. Saufen und schreiben Romane und koksen und kriegen keinen mehr hoch, haben Abtreibungen und Magersucht und Heimweh und Nasenreiz-Allergien und Neurodermitis und schreckliche Angst", sagte Martin deshalb zur Bekräftigung, laut genug diesmal, daß Helmut nickte: "Ja - ja, ich weiß, was du meinst. Saul Paul ist der Teufel, denke ich manchmal. Er ist hierhergekommen, hat seinen Garten gepflanzt und bestellt, aber alle Pflanzen, die vorher hier blühen konnten, sind verdorrt."
Sie gingen den Weg zum Wienerwald durch eine Menschenmenge, die in ihrer Mitte niemanden mehr verstecken konnte, weil sie geisterhaft und fadenscheinig geworden war; ein bloßer Schatten der majestätischen Menschenmengen des vergangenen Zeitalters der Massen. Das Licht war nicht mehr sehr hell an diesem gähnend langgezogenen Abend einer ganzen wichtigen Zeit und ihrer kostbaren Jahre, Monate und Wochen.
Martin hoffte, daß das stimmte, was Heike immer gesagt hatte, diese Gedichtzeile: Die Nacht ist kurz, und unterwegs das Licht. Helmut summte ein Lied, und Martin dachte neben ihm: ich glaube manchmal, ich bin schon sehr viele Jahre hier. In einem Jahr stiegen die Fluten, in einem andern Jahr kämpften wir im Schnee, in einem Jahr fiel Hagel und zerschlug Bäume, durchschlug Wände.
"Saul Paul ist kein Teufel, er hat genausoviel bezahlt wie wir alle.", versuchte er dann, den Freund, der neben ihm ging, zu berichtigen. Helmut zuckte mit den Schultern: "Schon klar. Was man halt so redet. Aber ob Teufel oder nicht, PHONON jedenfalls ist nicht das, als was es sich verkauft. Keine Zeitung, sondern eine Sekte. Mit allen Folgen für die Kultmitglieder, die man kennt: Auszehrung, psychische Abhängigkeit, das Gefühl, den Normalsterblichen was vorauszuhaben und so weiter. Ich finde, wir sollten bei Hof einen Verbotsantrag stellen, wegen Ketzerei."
Martin lachte: "Eine Sekte... na gut, aber doch die einzige Sekte mit schweren Finanzschwierigkeiten, soweit ich sehe, oder?"
Da blendete vor ihnen, auf der Höhe ihrer Augen, ein Licht auf; das Licht der Gnade, konnte man meinen, und Martin dachte: Es werde Licht !
Und es ward Licht, und Martin fragte sich: kehrt jetzt König Salomo in seinem königlichen Glanz zurück? Oder war?s bloß ein Schneeräumwagen der Stadtreinigung?