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| Brüste kriegen | |
| Von Sarah Diehl (Hg.) | |
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| Vorwort Wie werden Kinder eigentlich zu Frauen? Geschlecht ist mit dem Körper nicht allein dadurch verknüpft, dass aufgrund ausgewählter Merkmale eine Geschlechtszugehörigkeit zugewiesen wird. Die gesellschaftlich vorgegebene Geschlechtlichkeit wird sehr stark mit dem Körper verbunden, denn sie gibt eine bestimmte Existenzweise vor, ein Repertoire an Denk-, Gefühls-, Verhaltens-, und Wissensformen, die man vom ersten Tag seines Lebens erlernen muss. Wie der Titel der Anthologie deutlich machen will, wachsen Brüste nicht einfach ? man ?bekommt? sie. Wie erleben nun Mädchen die Zeit, in der sie aktiv einen weiblichen Habitus kultivieren müssen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden? Welche Rolle spielt dabei die Konfrontation mit biologischen Begebenheiten, wie das Einsetzten der Menstruation und das Größerwerden der Brüste? Solche Fragen werden oft als profan abgetan, und die tatsächliche Erfahrung damit wird gesellschaftlich kaum verhandelt. An diesem Thema hängt jedoch ein ganzer Komplex von Problemen, Identifizierungsprozessen und Machtverhältnissen, die durch das subjektive Erzählen dieser Erfahrungen in den Beiträgen dieses Buches deutlich werden soll. Mädchen wird vermittelt, dass sie ihrem Körper eine ganz bestimmte Verantwortung gegenüber haben. Sie müssen lernen, ihren Körper zu managen. Sie sind im Besitz der Körper, die die Reproduktion einer Gesellschaft gewährleisten. Damit sie nicht zu viel verlangen, wird es als selbstverständlich vermittelt, dass Frauen sich dafür zur Verfügung stellen und ihren Körper und dessen Funktionen in Bezug auf Gesundheit, Schönheit und Fruchtbarkeit selbst verwalten. Die hier veröffentlichten Texte zeigen, mit welcher Selbstverständlichkeit dies passiert. Um zu verneinen, dass man dieses Thema auf eines beschränken kann, mit dem sich ausschließlich Frauen beschäftigen sollen, finden sich auch drei Beiträge von Männern im Buch. Angesichts der Tatsache, dass dieses Buch in Deutschland erscheint, und die meisten Autorinnen weiße Europäerinnen sind, repräsentieren diese Geschichten eine Minderheit der Weltbevölkerung. Das Interview mit Asili Barre-Dirie und Fana Asefaw gibt einen Einblick in Problemfelder, die nicht abgesondert behandelt werden dürfen. Somit will sich dieses Buch jeder Vorstellung von Normalität, Primitivität, Fortschritt und Zivilisation versperren. Dieses Buch versteht sich aber nicht als ?Problembuch?, das ein abseitiges Thema behandelt, sondern als Darstellung des Alltags von Mädchen in einem bestimmten Lebensabschnitt. Es macht deutlich, wie subtil Gewalt auf Menschen ausgeübt wird, wenn es um die erzwungene Eindeutigkeit der Geschlechtsidentität geht. Ebenso soll die Erfahrung von Menschen thematisiert werden, bei denen diese Darstellung offensichtlich nicht ?normal? verläuft. Doch bleibt der Körper geschlechtlich definiert. Travestie, Transsexualität und Intersexualität werden von der Gesellschaft nur in einer Weise akzeptiert, so dass Menschen schließlich doch wieder eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Der Uneindeutigkeit wird der Raum der Spielerei oder der Krankheit zwischen zwei klar abgegrenzten Bereichen von Weiblichkeit und Männlichkeit zugewiesen. Es gibt innerhalb der Genderdebatte die Diskussion darüber, ob neben dem sozialen Geschlecht auch das biologische Geschlecht konstruiert wird. Wie lernen Mädchen ? durch die gesellschaftliche vermittelte Erfahrung mit ihrem Körper ? zur Frau zu werden? Diese Anthologie versteht sich auch als ein Beitrag zu dieser Debatte. Sarah Diehl, Oktober 2004 |
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