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Hamburgbuch
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Vorwort

?Meine Stadt, mein Hafen.? Hamburg ist eine Weltstadt, ist, wie der Senat der Stadt stolz verkündet, mit über 90 Konsulaten nach New York der ?zweitgrößte Konsularplatz der Welt?, ja: ?Hamburg liegt geographisch so günstig, dass hier schon immer die Welt aus und ein ging.? Die ganze Welt. Man fährt nach Hamburg, schifft was nach Hamburg, man landet in Hamburg, man bleibt. Man versackt im Hafen und auf der Vergnügungsmeile. Oder man flieht. Zig Millionen Menschen nahmen seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Gelegenheit wahr, Deutschland über den Hamburger Hafen zu verlassen.
Anfang des 9. Jahrhunderts wurde bei dem altsächsischen Dorf Hamm, unweit der damaligen Alstermündung, eine Burg errichtet, die zunächst als Hammaburg bekannt wurde. Die die Burg umgebende Siedlung wurde bald zum Erzbistum. Das sollte sie nur bis 1072 bleiben, erst die Wiedervereinigung erlaubte es den geschichtsseligen Katholiken im Jahr 1995, erneut ein Erzbistum Hamburg auszurufen. Auf dem Hamburger ?Dom? allerdings wird heute noch sehr weltlich gefeiert.
Viele verdanken Hamburg vieles ? die Österreicher etwa dürfen die erfolgreiche Verteidigung der Hansestadt gegen die Dänen als das letzte Inerscheinungtreten der österreichischen Seemacht begreifen. Die Sturmflut von 1962 half einem Helmut Schmidt dabei, sich so zu profilieren, dass er Bundeskanzler und Mahner und Warner werden konnte. Beim HSV zeigte Günther Netzer erstmals seine Managerqualitäten und der FC St. Pauli erwies, dass ein Fußballclub auch bei anhaltender Erfolglosigkeit zum Kultobjekt werden kann.
Die Nationalsozialisten befreiten 1937 die Städte Cuxhaven und Geesthacht von der Hamburger Stadtverwaltung, dafür mussten allerdings die bis dato preußischen Nachbarstädte Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg sich unter dieselbe begeben. Obschon Hamburg als eine eher liberale Stadt galt, reihte man sich auch hier bereitwillig in die Braunhemdreihen ein. So konnten die Nationalsozialisten das Konzentrationslager Neuengamme und einige KZ- Außenlager errichten, in denen über 50.000 Menschen ermordet wurden.
In den Fünfziger und Sechziger Jahren war Hamburg eine ruhige Stadt, ein bisschen unauffälliger, und selbstredend hat man von allem nichts gewusst. Man gab sich am einstigen Schauplatz kommunistischer Aufstände eher kleinbürgerlich. Auch im Jahr 1968 war kaum etwas aus Hamburg zu vermelden, mit Studierenden und Linken hatte man ? trotz Ulrike Meinhofs Konkret und den frühen Tagen der St. Pauli-Nachrichten unter Stefan Aust ? nicht soviel Ärger.
Das sollte sich erst in den 70er und 80er Jahren ändern, als in Hamburg mit Hafenstraße und Schanzenviertel weit über die Stadt hinaus bekannte linke Zentren entstanden, kein Linker, der nicht in den 80er Jahren um die besetzten Häuser gezittert hätte, kein Punk, der nicht mindestens einmal dort war.
Heute ist Hamburg bei allen, die sich weniger für Hafen, Fischmarkt oder den Strich in St. Georg interessieren, besonders für seine Musikszene bekannt. Zu dieser hat Bürgermeister Ole von Beust alles gesagt: ?Hamburg ist ein historisch gewachsener und international bekannter Musikstandort. Schon einige Namen reichen aus, um die beeindruckende Vielfalt dieses Standorts und seiner Geschichte zu skizzieren: Das fulminante Startsignal gaben die Beatles mit Tony Sheridan im Starclub, in den Siebzigern traf sich die Szene in Eppendorfs legendärem ?Onkel Pö?. Zu den illustren Gästen gehörten Gottfried Böttger, Udo Lindenberg, Okko, Lonzo, Berry, Chris & Django und natürlich Deutschlands erste echte Rocksängerin Inga Rumpf. Ob die Boogie-Woogie-Pianisten Vince Weber, Axel Zwingenberger, Jo Bohnsack bis hin zu Joja Wendt, die ?Hamburger Schule?, norddeutscher Hip-Hop oder Sänger wie Achim Reichel, Michy Reincke, Lotto King Karl und die vielen anderen Künstler - Vielfalt, Kreativität und Individualität zeichnen Hamburgs Musikszene aus. Das Hamburger Publikum liebt seine Musiker. Die Fans füllen mühelos Konzerte jeder Größe, im Docks, der Musikhalle oder der Color Line Arena. Die dichteste Clubszene gibt es nach wie vor auf der Reeperbahn ? Kultur, Szene und Vergnügen verbinden sich hier auf bundesweit einmalige Weise. Zunehmend macht das Schanzenviertel mit einer vitalen, hochwertigen Musikszene auf sich aufmerksam.?
Die Reeperbahn ist bundesweit auch noch für andere, dem Bürgermeister vielleicht nicht ganz so am Herzen liegende Szenen bekannt, gleichwohl scheut sich auch diese Stadt nicht, an der Prostitution mitzuverdienen. Und noch immer werben Magazine mit dem Namen St. Pauli oder Reeperbahn, Männer träumen von der Herbertstraße, einer um 1900 von der Stadtverwaltung zur ?geschlossenen Wohnanlage für Prostituierte? deklarierten Straße, an welcher steht: ?Zutritt für junge Männer unter 18 und Frauen verboten?. Noch immer schwärmt man von ?Auf der Reeperbahn nachts um halb eins?, das man aus dem NS-Film ?Große Freiheit Nr 7? kennt, ein Lied, das bis heute gern von Freddy Quinn und anderen ?Seebären? gesungen wird.
Hamburg ist Reemtsma, Airbus und Blohm + Voss, ist Planten un Blomen und Deichtorhallen, G-Move und Golden Pudel Klub, ist Hubert Fichte und Freies Senderkombinat, ist das What?s so funny about-Label oder der Rowohlt Verlag, ist Rote Flora und Hamburger Institut für Sozialforschung, Regenbogen und CDU, ist Max und Inge und Nele und Kevin. Von einigem, was Hamburg ist oder sein kann, berichten die Beiträge dieses Buches.

Berlin, November 2004
Werner Labisch, Jörg Sundermeier