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Das Kühlbrodtbuch
Von Jürgen Kiontke
 
Das Kühlbrodtbuch.

Ich-Reportage und Ich-Aneignung: Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte des Kuhlbrodtbuches

Der subjektive Erzählstil Dietrich Kuhlbrodts ist durch sein Kuhlbrodtbuch nach gut einjähriger Existenz auch Leuten in die Finger gekommen, die dieses Erzählen bisher nicht kannten. Wir haben die Rezensionen gelesen, und gesehen, wie sich - wie zum Beispiel im Marburger Wissenschaftsmagazin Medienwissenschaft - Rezensenten zuweilen dem Stil des Kuhlbrodtbuches anverwandeln - sein erster Satz: Ist dies eine Auto-Reportage? scheinen manche als Aufforderung zum kommunikativen Ego-Elchtest verstanden zu haben. Auch wenn sie`s mit der Autor-Reportage verwechseln.
Das muss nicht unsympathisch sein - mithin kommt das beim Autor besser an als die Planung der Veranstaltungen durch den Verbrecherverlag. Eigentlich wollten wir, wie im Februar, heute gemeinsam hier sitzen, der Autor und Hannibal Lektor, doch schon im März hat sich gezeigt: Es klappt nicht. Damals war ich im Urlaub. Jetzt wieder, in Griechenland. Ja, ist aber auch dann ein bisschen weit, um einen Abend mal kurz vorbeizuschauen meint Kuhlbrodt. Warum hat`s nicht geklappt? Die Verbrecher machten zuerst den Termin fest, dann fragten sie bei mir nach - "ist uns in dem Moment aufgefallen", sagen die sympathischen dicken Männer.
Da sind wir aber auch schon nicht mehr bei der Rezeptionsgeschichte des Textes, sondern eher bei der Rezeption des Autors selbst. Nach unserer letzten gemeinsamen Buchvorstellung lernte ich eine ziemlich junge toll aussehende Frau kennen, die mir mitteilte: "Den Kuhlbrodt fand ich superklasse erotisch. Der sieht auch gar nicht aus wie siebzig."
Ich hingegen lernte auf Kuhlbrodts Ticket Sophie Rois kennen, sah auch toll aus, aber entgegen verschiedener Berichte in Bunte, Gala, Stern und Bild sind wir kein Paar geworden. Dennoch zeichnet sich ein Trend ab - das Kuhlbrodtbuch und sein Autor verlassen den literarischen Diskurs und tauchen im popkulturellen wieder auf. In dem Magazin Soli aktuell, dessen Chefredakteur ich bin, gibt es eine Seite mit Rechtstipps für Auszubildende, deren Autor ist der Arbeitsrechtler Wolf-Dieter Rudolph. Dem hatte ich von meinem Engagement beim Verbrecherverlag erzählt, und dass der Autor, um dessen Wohlergehen ich mich zu kümmern hätte, der Hamburger Oberstaatsanwalt außer Dienst Dietrich Kuhlbrodt sei. Monate später schickte ich Wolf-Dieter ein Exemplar des Kuhlbrodtbuches und Rudolph fühlte sich zu der Bemerkung genötigt: Das klingt ja fast so wie der Name von dem einen Typ da ausm Fernsehen, der mit der Müller-Milch, na wie heißt er doch gleich: Küblböck.
Da hatten wir auf einmal die Popklammer gefunden, ganz nach postmodernem Konstruktionsprinzip, nach dem alles irgendwie gleich nebeneinander steht - Gott und Teufel, Bier und Wein, Foucault und Derrida, Kommunismus und Faschismus - und jetzt eben der 70jährige Rollentausch-Oberstaatsanwalt neben dem 17jährigen Geschlechtertauschtalent aus "Deutschland sucht den Superstar". Tja, und irgendwie sind das aber sicher zwei Eckpunkte der Unterhaltungsindustrie, das kann man schon feststellen.
Ich schreibe diese Gedanken heute, am 20. August, nieder. Einen Tag, nachdem der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust seinen Innensenator Schill entlassen hat - der hatte gedroht, Beusts Homosexualität zu outen, die er mit dem Justizsenator auslebe. Dietrich Kuhlbrodt, Hamburger und Kenner der Justizszene Hamburgs, sagte mir am Telefon: Und Schill ist der schwule Kumpel von dem Staatsrat, den er nicht entlassen wollte. Nun, Dietrich, wir Berliner haben ja auch einen schwulen Bürgermeister: Wir schicken ihn von einer Party zur nächsten und sehen, dass er sich aus der Politik weitestgehend raushält. Ihr in Hamburg seid da wohl etwas wüster. Davon konnte ich mich letztens selbst überzeugen, als ich Kuhlbrodt in Hamburg besuchen fuhr - aus dem schönen idyllischen Berlin-Neukölln mal in die Großstadt. Am Bahnhof in Hamburg erwartete uns Freund Fritz von der Zeitschrift Sozialismus, mit dem wir in ein Cafe gingen. Als wir Platz genommen hatten, stellte ich fest, das der Typ, der hinter meinem Rücken saß, immer mit Stuhl wippte, und an meinen Stuhl anschlug. Herrgott, so was merkt man doch. Ich setzte mich woandershin. Irgendwann ging ich zur Toilette und auf dem Rückweg konnte ich dem Mann ins Gesicht sehen. Mir war sofort klar: das hier stank nach Schlägerei! Warum überhaupt waren wir in Hamburg? Unter anderem, um mir Rat zu holen: Meine Freundin schmeißt neuerdings Sachen nach mir. Sie ist aber der Ansicht, sie wirft Sachen, wenn sie sauer ist, und ich steh nur im Weg rum. Da wollte ich wissen, wie Leute miteinander umgehen, die schon viel länger zusammen sind als wir, also z.B. Dietrich und seine Brigitte. Da erzählt er Folgendes: Sie hätten da ein Ritual, wenn Brigitte sauer wäre, schmeiße sie z.B. ein Glas auf den Boden. Dietrich nähme dann seinerseits ein Glas und täte ihr gleich, O-Ton: "Bei uns im Wohnzimmer ist ja Fliesenboden. Das knallt dann ganz schön." Mulmig sei`s hinterher. "Brigitte sagt, ich soll dann schon mal ins Bett gehen. das mach ich auch. Aber auf ihrem Nachttisch. liegt das Schweizer Armeemesser. Stell dir vor, ich schlafe ein, und sie kommt dann, mit dem Ding sind schnippschnapp die Eier ab, das dauert nur Sekunden." Warum sie denn so ein Messer habe, frage ich. Dietrich: "Ach, das hat sie sich gewünscht."
So geht`s also zu in Hamburg, und ich beschloss, zu Hause wenigstens unser Schweizer Taschenmesser zu verstecken.
Nun kamen wir später zu Didis Häuschen im schönen Blankenese - aber von Ruhe keine Spur. Dort, hundert Meter von der Elbe entfernt, teilte uns Dietrich mit, dass die Häuser hier Risse bekommen - der Grund: Seit Jahren hier vorbeifahrende 40.000-Tonner mit 100.000 PS-Maschinen. Die Schwingungen der starken Aggregate übertrügen sich aufs Wasser und von dort ans Ufer in die Hauswände hinein. Nebenan bellten große Hunde. Vornerum mähte einer Rasen. Muss ich da noch extra sagen, was uns tags drauf auf der Reeperbahn wiederfuhr? Dass da das Harley-Treffen mit 4000 dieser hyperlauten Maschinen nebst 4.000 Versicherungsmanagern in Flugzeugtriebwerklautstärke herummachten?
Hier kann offensichtlich jeder machen, was er will - auf einem Spaziergang auf dem Höhenweg vom sauteuren Blankenese fand ich heraus, warum. Wir hatten auf einer Bank gesessen, unweit des Anwesens von Jan Philipp Reemtsma, dem Ex-Entführten, und auf die Elbe hinabgeschaut. Und hier, im Zentrum der High-Society-Anwesen, fanden wir auf dem leicht maroden Sitzgerät zwei Sätze, mit Filzstift hibgeschrieben: Unter Dietrichs stand: "Fuck the system". Und unter meinem: "Break the Rules." Mit solch widerständigen Gedanken machten wir uns wieder auf den Weg - bis an die Brücke, die über eine Privatstraße führt. Die war die letzten 30 Jahre da - nun war der Weg gesperrt, "Betreten bei Strafe verboten" stand da jetzt und ein 1,20 Meter-Zaun oder zwei, mit oben Stacheldraht, und fünf Meter weiter konnte man die Fortsetzung des Weges erkennen. Wir zögerten. Langsam aber machte sich die Bankbotschaft bemerkbar - break the rules, fuck the system. Wir kletterten über den Zaun und fühlten uns revolutionär. Auf dem Privatgelände erwarteten wir eine Attacke vom privaten Wachdienst oder dem privaten Kampfhundbataillon. Nichts dergleichen kam. Wir erklimmten den zweiten Zaun, es war nicht ungefährlich: Mir fiel sofort das Fußballtrainingsgelände in Kreuzberg ein, das ich mit meiner Mannschaft im Sommer benutze - eine in den Ferien geschlossene Schulsportanlage, die man über einen hohen Zaun, der oben drei Zentimeter lange Zacken hat, entern muss. Beim Überklettern denke ich immer, irgendwann rutsche ich hier ab, dann ramme ich mir die Spitzen wahlweise in den Unterkopf oder in den Sack - was werden die Rettungskräfte lachen, dass ich mir mit Ende dreißig die Impotenz zuziehe, weil ich wie ein kleiner Junge über den Zaun klettern musste. Aber bisher ist es immer gut gegangen und auch der Hambuerger Stacheldraht hatte letztendlich verloren. Auf der anderen Seite klopften wir uns auf die Schulter, yeah, fuck the system, break the rules.
Und weil in Hamburg alle so drauf sind, ist dort auch keine ordentliche Homosexualität zu machen, dachte ich mir dann. Wer wie die Kuhlbrodte in Hamburg wohnt, der ist ein Rocker, und im Kuhlbrodtbuch taucht ja um so logischer ein Harley-Davidson-Fahrer auf. Vielleicht liebes Kaffee Burger-Publikum, liest er euch diese Geschichte vor oder hat sie sogar schon vorgelesen. Oder er liest sie euch vor, während er sein Rotweinglas aufisst.
Nein ich wollte keine Bezüge sehen, zwischen dem Alt- und dem Jungstar, zwischen Kuhlbrodt und Küblböck, partout nicht. Die kann es nicht geben, scheiß auf die Postmoderne. Doch die Popkultur ist Teil der Kulturindustrie und die versaut das Gehirn, womöglich ohne dass man es selbst merkt, das hat Theodor Adorno gesagt, und vor kurzem, zu seinem 100. Geburtstag stand das auch wieder in vielen Zeitungen.
Und er sollte recht behalten haben. Denn speicherte ich diesen Text hier im Computer ab. "Speichern unter ?" fragte mich der Rechner, und das Schriebprogramm Word übernimmt in diesem Fall automatisch die ersten Wörter des Dokuments. Und was musste ich da lesen? "Das Kühlbrodtbuch. Ein Grußwort". Da hatte sie schon zugeschlagen, die Popkultur. Und schlagartig wurde mir klar, was passiert war: In diesem Fall hatte ich mir den Autor angeeignet. Und was eigenes draus gemacht. Oder besser: In mir wurde etwas eigenes draus gemacht. War das die Idee des Autors gewesen, als er schrieb, das Kuhlbrodtbuch sei ein Erinnerungsbuch, und dann sind alle Erinnerungen falsch, weil wir uns unsere Erinnerungen nach Karl Heinz Roth alle sieben Jahre selbst machen? War das die Botschaft, die ich beim Lektorieren des Textes hätte bemerken müssen und mir ein Jahr später durch Küblbrodt/Kuhlböck als Lektion erteilt wurde?
Manchmal tut man das Falsche und liegt trotzdem richtig. Im Februar dieses Jahres schlenderten Kuhlbrodt und ich über die Berliner Filmfestspiele. Ich durfte über Kuhlbrodt verschiedene Kontakte knüpfen, z.B. lernte ich den Kritiker Peter W. Jansen kennen. Das ging so: Kuhlbrodt: Jürgen, kennst du übrigens Peter W. Jansen? Ich: Nicht persönlich. Kuhlbrodt: Okay, und das ist Jürgen Kiontke, der macht irgend so ein Gewerkschaftsblatt, aber wen interessieren schon Gewerkschaften, und manchmal schreibt er Filmkritiken. Ich: Hey, hey, ich bin bei der "Solidarität", die gibt es seit 1949. Peter W. Jansen sagte darauf: Hey Dietrich, immer langsam. Bei uns im Sender habe ich 20 Jahre lang die Gewerkschaftsarbeit koordiniert. Natürlich kenn ich die "Solidarität".
Als nächstes ließ mich Dietrich den Filmmann von der Rheinischen Post kennen lernen. Mit dem hatte ich schnell ein Thema gefunden. Die Oberhausener Filmfestspiele, über die ich einmal eine Reportage geschrieben hatte. Und der Festivalleiter Lars Henrik Gass hatte mir ob diesen Textes schwere Konsequenzen angedroht. "Das hat er mit mir auch gemacht, wegen der kleinen Meldung", sagte der Mann von der Rheinischen Post. "Der hat mich sogar nach Oberhausen zitiert!" Ein Weilchen noch amüsierten wir uns gemeinsam über die Oberhausener Geschäftsgebaren.
Unter den neuen Bekanntschaften war allerdings auch die von Rolf Rüdiger Hamacher, Präsident der deutschen Sektion der Filmkritikerorganisation Fipresci, also des Verbandes der deutschen Filmkritik. Der schanghaite, also fischte mich als neues Mitglied. Unter anderem rechnete ich damit, in die Jury eines Filmfestes gesetzt zu werden. Wochen später hatte ich nichts von dem Mann gehört. Da laufe es manchmal etwas chaotisch ab, beim Verband, sagte Dietrich, seine Mails würden dort auch nicht beantwortet. Darauf mailte er mir regelmäßig den Fipresci-Newsletter, den ein Herr Eder abschickte. Eines Tages schrieb ich dem Herrn Eder, ich sei ein neues Mitglied in der deutschen Sektion. Ob er mich mit Infos versorgen könnte und überhaupt. Antworten Informationen von der deutschen Sektion würde ich regelmäßig nicht erhalten. Allerdings hat auch noch keiner meinen Mitgliedsbeitrag abgebucht. Dafür hab ich einen tollen Presseausweis, gültig bis 2006. Nun schrieb mir der Herr Eder, er könne mich zwar in den Newsletter aufnehmen. Mit der deutschen Sektion hätte er nicht direkt zu tun, machte aber einen CC-Vermerk, eine Kopie, an Herrn Hamacher, den deutschen Verbandschef.
"Was hast gemacht? Der Eder ist doch der Weltpräsident der Fipresci!" Woher hätte ich das wissen sollen? Ohne es zu wollen, hatte ich den armen Hamacher bei seinem Chef gemobbt. Ein toller Einstand als neues Mitglied im Filmkritikerverband. Vielleicht wird er sich diesmal melden. Beim Kuhlbrodt. Und den fragen, was er ihm da für ein Arschloch ins Haus geholt hat. Und da hatte ich Dietrich Kuhlbrodt, den armen, mindestens zum zweiten Mal rezensiert und was eigenes draus gemacht. Jetzt heißt er nicht nur Küblbrödt, sondern kriegt womöglich auch noch ganz konkret den Arsch versohlt! Vom deutschen Fipresci-Chef! Bloß weil ich den Armen ganz konkret als Person rezipiert hab. Ich dachte, das geht nur mit Büchern - großer Irrtum!
So habe über meine Beschäftigung mit dem Kuhlbrodtbuch gelernt: Rezeption eines Werkes, die geht ganz anders, als ich kleiner Germanist mir das vorgestellt hab. Und muss nun Abbitte leisten, weil mir der Autor diese Gunst des Erkenntnisfortschritts erwies. Ich befinde mich in großer Schuld. Scheiß subjektive Rezeptivität!
Und kann in Demut nur sagen, in Erwartung einer Audienz beim Hamburger Oberbestrafer: Herr Küblbrödt: Rezipier mich! Aber feste. Ohne System. Ohne Regeln. Fuck the system, break the rules.

(Grußwort zu Dietrich Kuhlbrodts Lesung am 7.9.2003 im Kaffee Burger)