![]() Verbrecher Verlag |
|
| Startseite |
|
| Verlagsprogramm (mit Bestellfunktion) Belletristik Sachbuch/Politik Stadtbücher Kunst/Comic Schnäppchen Vorschau/Vorbestellen T-Shirts CD / DVD Warenkorb |
|
| vergriffene Titel |
|
| Verbrecherversammlungen |
|
| Lesungen |
|
| Textarchiv |
|
| AutorInnen |
|
| Newsletter |
|
| Tafelmuzak |
|
| Links |
|
| Kontakt |
|
| Das aktuelle Programm zum Download |
|
| Der Supercollector | |
| Von Thomas Kuczynski | |
| |
|
| Imo Moszkowicz, heute berühmt als Regisseur des Pumuckl und einst Häftling im Konzentrationslager Auschwitz, im Interview befragt, ob es denn kein Problem für ihn gewesen sei, daß der Vater seiner Frau ein hoher Nazi in Österreich war, antwortete: Und wenn sie die Tochter von Heinrich Himmler gewesen wäre, ich hätte sie geheiratet. 1) Ein besonders trauriges Gegenstück zu diesem wunderbaren Beispiel vorurteilsfreien Umgangs mit Familiengeschichte ist die Weigerung des Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, die diesjährige Verleihung des Moses-Mendelssohn-Preises in einer Synagoge zuzulassen, und zwar genau deshalb, weil die Preisträgerin, Hilde Schramm, einen deutschen Obernazi zum Vater hat. 2) Daß Friedrich Christian Flick Enkel eines Kriegsverbrechers ist, kann mich also nicht dazu bewegen, hier ein Statement zur Ausstellung seiner Collection in Berlin abzugeben. Und daß er sich nicht an der Stiftung »Erinnerung - Verantwortung - Zukunft« beteiligt hat? Abgespeist Ökonomische Einsicht und politischer Durchblick haben 17 Global players in Deutschland dazu veranlaßt, in Absprache mit ihrer Regierung diese Einrichtung zu gründen, weil sie sich auf keine andere Weise die auch im Global business notwendige Rechtssicherheit erkaufen konnten. Für diese Rechtssicherheit, und nur für sie, waren die Initiatoren der Stiftung bereit zu zahlen, notfalls auch an ehemalige Zwangsarbeitskräfte. Daß einige hunderttausend Überlebende ein paar »Brosamen vom Herrentisch« erhielten, gehörte zu den Betriebskosten, wie ja auch die Werbung zu den Faux frais de production gehört. Kann ich jemandem vorwerfen, sich nicht an dieser Alibiveranstaltung beteiligt zu haben? Machen wir es so konkret als möglich. 3) Nach den für die Jahre 1941-43 überlieferten Unterlagen der Lohnbuchhaltung sparte der Flick-Konzern bei den Zwangsarbeitskräften ein Drittel der Lohnkosten ein, und allein bei Daimler-Benz betrug der Anteil der Zwangsarbeitskräfte an der Gesamtbeschäftigtenzahl in den Jahren 1940-44 mehr als ein Drittel. So etwas summiert sich in einem Großbetrieb - nach meinen Berechnungen hätte DaimlerChrysler für eine anständige Entschädigung 1,2 Milliarden DM zu zahlen gehabt. Da der Konzern im Jahre 1998 einen Gesamtgewinn von zehn Milliarden DM verbuchen konnte, also 200 Millionen pro Woche, hätte er für eine angemessene Entschädigung weniger als sieben Wochen Gewinn verwenden müssen. Wieviel DaimlerChrysler in die Stiftung eingezahlt hat, ist nicht zu erfahren. 4) Aber immerhin ist bekannt, daß die 17 Gründungsmitglieder der Stiftung sechzig Prozent des von der Wirtschaft zu zahlenden Betrages aufgebracht haben, im Durchschnitt also 180 Millionen DM je Unternehmen. Auf die Verhältnisse bei DaimlerChrysler umgerechnet, waren das zwei Prozent vom Jahresgewinn oder vielleicht zwei Promille des Konzernvermögens. F.C. Flick hat sich nicht daran beteiligt, und wenn er seine eigene Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz nach dem Vorbild von DaimlerChrysler mit zwei Promille seines Vermögens ausgestattet hätte, dann hätte sie ein bis maximal zwei Millionen DM erhalten. Es sind aber zehn Millionen in die Stiftung geflossen, also anteilig das Fünf- bis Zehnfache von DaimlerChrysler. Dies vorausgeschickt, wage ich trotzdem die Vermutung, daß der Kriegsverbrecher stolz auf diesen seinen Enkel wäre, der von ihm weit mehr als ein paar hundert Millionen geerbt hat und spät, aber nicht zu spät, ein wirklicher, weit vorausschauender Sachwalter jenes Familienerbteils geworden ist, das nun, in künstlerisch verwandelter Form, ganz staatsoffizielle, von Bundeskanzler, Staatsministerin, Regierendem Bürgermeister und Kultursenator ausgesprochene, Anerkennung genießt. Vielleicht würde der Großvater sogar sagen, daß der Enkel es in zumindest einer Beziehung letztlich besser gemacht habe als er selbst. Wohlkalkuliert Ist einerseits zu konstatieren, daß dem vom Enkel bewunderten Großvater vieles gelang, darunter eben auch, sich jeglicher Entschädigungszahlung an die in seinem Konzern ausgebeuteten Zwangsarbeitskräfte zu entziehen - was der Enkel ganz genauso tat -, so ist doch andererseits festzuhalten, daß ihm eines nicht gelang - den Konzern auf eine ihn selbst überdauernde Grundlage zu stellen. Das ist das Schicksal gar nicht weniger »Ein-Mann-Unternehmen«: Zu seinen Lebzeiten wurden mögliche Nachfolger unselbständig gehalten und damit unfähig gemacht, nach seinem Tode können sie das Unternehmen nicht zusammenhalten, zerstreiten sich, und nur wenig später wird die Firma selbst verkauft. In ein paar Jahren, wenn auch das letzte Opfer Flickscher Zwangsarbeit verstorben ist, wird der Konzern ganz der Geschichte angehören. Stiftungen dagegen, mit ihren ehernen Satzungen, können Jahrhunderte überdauern. Den ersten Versuch, sich auf diese neue Weise in die Geschichte einzuschreiben, unternahm in der Familie Enkel Gert-Rudolf. 5) Er scheiterte 1996 in Oxford, die Universität wollte das vom Großvater geerbte Geld nicht für eine Stiftungsprofessur verwenden. Fünf Jahre später versuchte es F. C. Flick selbst, in Zürich, und scheiterte ebenfalls, aus demselben Grunde. Selbst eine »Probeschau« im Münchner Haus der Kunst kam nicht zustande, dagegen seine erst daraufhin installierte Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz 6) - wer sich der einen Alibiveranstaltung verweigert, ist, genügend Kapital vorausgesetzt, nicht daran gehindert, seine eigene zu finanzieren, sie sogar etwas besser als andere auszustatten. Ein einziger Blick auf diese häßliche Chronologie hätte den in Berlin Beteiligten, bei entsprechendem Willen, gezeigt, daß der schöne Schein der Collection eine andere Installation verbirgt - dazu bedarf es keiner neuen Firmengeschichte, keines Besuchs im Familienarchiv und auch keines Moratoriums. Was zeigt ein zweiter Blick? Erst 1996 hat F. C. Flick mit dem Kaufen von Kunst begonnen, ganz im Stile seines Großvaters: Klotzen, nicht kleckern, war die Devise. Daher wanderte moderne Kunst geradezu konvolutweis in die Magazine. Binnen fünf Jahren investierte er - die Angaben differieren - zwischen 300 Millionen Schweizer Franken 7) und 300 Millionen Dollar 8), jedenfalls das Zigfache des oben genannten Stiftungsbeitrags in seine Collection. Und schon 1997 äußerte er privatim den Wunsch, »mit einem Kunstmuseum den Namen Flick auf eine dauerhafte positive Ebene zu stellen« 9), hat ihn seitdem auch öffentlich wiederholt und ihn über die Jahre beharrlich umzusetzen gesucht. Wer aber, gerade über die Fünfzig, damit beginnt, Kunst zu kaufen, und sich schon ein Jahr später über ihre zweckmäßige Nachnutzung Gedanken macht, der ist kein Sammler, der ist im Grunde ein Händler, nicht unbedingt ein Kunsthändler, in diesem Falle ein wohlkalkulierender Händler in Sachen Familiengeschichte. Bemäntelt Nun ist zwar der Umgang mit der eigenen Familiengeschichte jedermanns und jeder Frau Privatsache, aber nur, solange der Umgang selbst im Privaten verbleibt. Genau das aber war, wie gesehen, niemals F. C. Flicks Interesse. Die von ihm wieder und wieder geäußerte Vorstellung, mit der Collection und ihrer Ausstellung den dunklen Seiten seiner Familiengeschichte eine hellere zuzufügen 10), verleiht ihr zwar einen rührend-naiven Schein. In Wahrheit jedoch verfügt der »Supercollector« über denselben zielsicheren Griff wie sein Großvater, und will - ganz wie dieser, nur eben besser und geschickter - die Fäden auf ewig in der Hand halten, genauso wie er es im Interview mit dem Kurator formulierte: »Die Guernsey-Konstruktion habe ich gewählt, um sicherzustellen, daß meine Sammlung auch über meinen Tod hinaus zusammenbleibt.« 11) Ich kann nicht unterstellen, daß sich die politisch Zuständigen in diesem Staat, in dieser Stadt vom schönen Schein der Collection betören ließen. Dafür paßt ihre Ausstellung zu gut in jenes Geschichtskonzept, das der Herr Bundeskanzler in der Aussage zusammengefaßt hat, er wolle für Berlin ein Holocaust-Mahnmal, zu dem die Menschen gern hingehen. Auch in diese Ausstellung sollen die Menschen gern gehen, um so lieber, da ihnen nichts als der schöne Schein gezeigt wird. Der Schein bemäntelt zugleich die Regierenden, die ansonsten bei der Finanzierung von Kultur, Kunst, Wissenschaft, Bildung ziemlich nackt und unschön rumstehen. Dem Enkel mögen diese politischen Implikationen gleichgültig sein. Auch darin ähnelt er seinem Großvater, der seine »Spenden« in allen politischen Systemen allen, auch den miteinander konkurrierenden, Parteien und Organisationen zugute kommen ließ - sofern ihm das für die Sicherung des Geschäfts vonnöten schien. Als Fazit steht im Raum ein sogenanntes Faszinosum, die höchst makabre Installation des Satzes: Die Enkel fechten?s besser aus. 1) Siehe das Interview von Thomas Lackmann mit Imo Moszkowicz in: Der Tagesspiegel (Berlin), Nr. 17119 vom 23. Juli 2000, S. W1. 2) Siehe Philipp Gessler: Hilde Schramm - Im Schatten des Vaters, ein Leben lang. In: tageszeitung - taz (Köln), Nr. 7455 vom 7. September 2004, S. 8. 3) Siehe zum folgenden Thomas Kuczynski: Brosamen vom Herrentisch. Hintergründe der Entschädigungszahlungen an die im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeitskräfte. Verbrecher-Verlag Berlin 2004, S. 133 ff. 4) Ebenda, S. 146ff. 5) Siehe zum folgenden Peter Kessen: Von der Kunst des Erbens. Die »Flick-Collection« und die Berliner Republik. Philo-Verlag Berlin/Wien 2004, S. 115f. 6) Siehe Stephan Ramming: Kalte Füße, heißes Busineß. In: WOZ. Die Wochenzeitung (Zürich), Nr. 13/01 vom 1. 2. 2001. 7) Ebenda. 8) Siehe Kessen, a. a. O., S. 114. 9) Zit. ebenda, S. 113. 10) Siehe Eugen Blume, Friedrich Christian Flick: Ein Gespräch anläßlich der Eröffnung der Ausstellung Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof. In: Museum für Gegenwart (Berlin), Nr. 1 vom September 2004, S. 14. 11) Ebenda, S. 9. * Dieses Statement wurde am Donnerstag in Berlin auf der Veranstaltung »Heil dich doch selbst« vom Autor vorgetragen. Ziel des Abends war es, die mit der Flick-Collection betriebene »Stillstellung der Erinnerung zu unterbrechen«. (zuerst erschienen in junge Welt vom 18.12.2004) |
|