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| Leipzigbuch | |
| Von Susanne Klingner | |
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| Vorwort Die Sachsen sind helle, sagen diese von sich selbst und schaut man sich die Entstehung des Leipziger Allerleis an, so muss man zugeben: gar nicht dumm, die Leipziger. In der alten Handelsstadt wurde immer gut und viel gegessen. Doch weil das auch die Steuereintreiber des Königs hätten mitbekommen können, ersann man eine List: Bei Tisch wurden alle teuren Zutaten, zum Beispiel das Fleisch, unter einem Berg gemischten Gemüses begraben, also vor den Augen der Steuereintreiber versteckt. Lediglich ein paar Flusskrebse aus der Pleiße, die damals allerdings noch preiswert waren, wurden obenauf gesetzt. Das Leipziger Allerlei ist eines der ersten Dinge, die genannt werden, fragt man Auswärtige, was ihnen zu Leipzig einfällt. Um es ein für alle mal zu klären, hier schnell noch die Zutatenliste: Möhren, Kohlrabi, Teltower Rübchen, weißer und grüner Spargel, Zuckerschoten, Lauchzwiebeln, Bleichsellerie, Blumenkohl und frische Morcheln. Dazu ein paar Flusskrebse und schon isst man wie die Leipziger. Platz Zwei der bekannten Dinge Leipzigs ist nicht so leicht zu bestimmen. Die Kulturbeflissenen werden sagen: Bach; die Belesenen: die Leipziger Buchmesse; die Sportschaugucker: die Olympiabewerbung, haha; Goethe-Fans: Auerbachs Keller. Die Liste lässt sich lang weiterführen mit dem Wave-Gothic-Treffen für Fans der schwermütigen Musik, dem Pongoland für Verhaltensforscher, BMW und Porsche für Arbeitsmarktpolitiker, dem Hauptbahnhof für Trainspotter. Leipzig ist eine Nischenstadt. Jeder kann sich hier ein Eckchen suchen und darin glücklich werden. Vielleicht hört man deswegen so oft, Leipzig sei die schönste Stadt des Ostens. ?Klein-Paris? und den abgedroschenen Spruch ?Mein Leipzig lob' ich mir?, das sagt allerdings keiner von hier, das war Goethe. Kritiker dieser überbordenden Lobhudeleien schütteln den Kopf und nennen die Leipziger größenwahnsinnig. Stadtplaner und Sanierungsfans verkünden stolz, Leipzig habe sich in den Jahren nach der Wende so stark verändert wie keine andere ostdeutsche Stadt. Überall klaffen Baulöcher, wird saniert, abgerissen und geglättet. Jene, die sich in das Nachwende-Leipzig verliebt hatten, mit den leer stehenden Häusern, in denen sich vorzüglich halblegale Clubs eröffnen ließen oder die sie als Proberäume für wütende Punkbands nutzten, können die Euphorie der Modernisierer nicht teilen. Sie suchen nach neuen Räumen ? zurzeit die Fabriken in den alten Industrievierteln Schleußig und Plagwitz ?, um ihre Ideen umzusetzen. Auch die angestammte Bevölkerung sah sich nicht selten gezwungen, vor den Gentrifizierern auszuweichen. Denn wer nach Leipzig kommt, verspürt nicht selten sofort den Drang, etwas zu machen und sich zu beteiligen. So entstand und entsteht immer wieder neu eine beeindruckende Szene von Künstlern, Literaten, Clubbetreibern, Galeristen und Musikern. Einrichtungen wie die Hochschule für Grafik und Buchkunst und das Deutsche Literaturinstitut Leipzig haben ihre ersten Helden: den Maler Neo Rauch und die Schriftstellerinnen Juli Zeh und Franziska Gerstenberg etwa. Doch die Szene vor Ort ist vor allem die Summe der vielen kleinen Teile, der Vielen, die hier den Platz entdeckt haben, an dem sie leben können und wollen. Und auch auf offizieller Ebene wird hier so lange von Optimismus und Forschritt gesprochen, bis auch der Letzte daran glaubt. Es scheint zu funktionieren. Leipzig verkündet immer neue Rekorde und Erfolge, seien es die Besucherzahlen der Messen, steigende Einwohnerzahlen, neue Automobilfabriken oder ein ?Zoo der Zukunft?. Die 32 Autorinnen und Autoren dieses Buches haben aufgeschrieben, was Leipzig für sie so besonders macht, wo die Stadt sie begeistert oder in den Wahnsinn treibt. Sie erinnern sich an Ereignisse und Geschichten oder schauen, wie es momentan um Leipzig steht. In ihren Texten erzählen sie von der DDR, aus der Wendezeit und von einem Leipzig, das eine Brücke zwischen Ost und West geworden ist. Die 32 Beiträge sind die Puzzleteile, aus denen Schritt für Schritt ein Bild von Leipzig wird. Leipzig, März 2005 Susanne Klingner, Jörg Sundermeier |
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