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Skye Boat Song
Von Dietmar Dath
 
Denise gähnte. Rieb sich mit dem Zeigefinger die lange Narbe auf der linken Wange, die von ihrem entstellten Auge bis zum Mundwinkel verlief. Das Ding juckte. Es hatte gewittert, da juckte oder zog es immer.
Da, wieder: diese Melodie. Woran...?
Jetzt hatte sie´s: ein schottisches Volkslied, das Colin ihr mal...
Sky bird? Blue sky? Irgend sowas.
Denise hatte die ganze Nacht im Labor gearbeitet und wollte jetzt runter in die Stadt radeln, zum Kollegiengebäude III, um mit ein paar Studis die Symposiumsvorbereitung für die übernächste Woche durchzusprechen.
Wichtige Gäste von auswärts.
Der fetteste Termin dieses Jahr, abgesehen vom Vorstellungsgespräch in Berlin in zwei Monaten. Na ja: Schnee von morgen. Denise holte tief Luft, um ins hier und jetzt zurückzukehren.
Sie nahm den ?Langen Weg? mit dem Fahrrad den Berg hinunter, der Aussicht wegen.
Ihr Plan stand fest: runter in die Altstadt, in die ?Kirsche?. Kaffee, Zeitung, Hörnchen.
Einziger Nachteil: vielleicht würde Axel dort hocken. Im Sommer machte der öfters Nächte durch, schon damals... und jetzt, da er seine Doktorarbeit schrieb...
Gut: dann würde sie ihn eben im Café treffen. Und wenn?
Danach zur Uni. Und dann heim, den Tag verschlafen.
Auf ihr Rad gelehnt stand sie so unter Baldachinen vernadelten Groß-Geästs auf einem breiten Kriesweg des so genannten Guten Weißen Bergs, von dem sie, die vor zehn Jahren Zugereiste, bis heute nicht wußte, was daran eigentlich ?gut? oder ?weiß? war und welche Seite von den Einheimischen eigentlich die ?Tag-? und welche die ?Nachtseite? genannt wurde. Der Berg hatte jedenfalls eine bewaldete und eine bebaute Seite, das konnte sie auseinanderhalten. Auf der bebauten residierte die Wissenschaft, das Borbrucker ?Bio-Valley?, mehr eine schiefe Ebene als ein Tal- in Felsspalten nisteten die unheimlichen, vom Volksmund und Presse-Tagedieben mit allerlei Abscheulichkeiten in Verbindung gebrachten biowissenschaftlichen, chemischen etc. Fakultäten der Uni, i.e. zumindest deren ausgelagerte Forschungsstätten. Ferner gab es da ein paar Laboratorien von Firmen, die zum Teil in einem Sponsorenverhältnis zu den besagten Fakultäten standen.
Und kurz vor dem Absacken des ?guten weißen? Massivs in schwindelerregende Schluchten stand das Labor, in dem Denise, während draußen das Gewitter rumpelte und grellte, sechs Stunden über Feldmeyers blöden Spektral-Karyotypendateien geschwitzt hatte: Und alles nur, weil ihr eigener Chef, Müller, sie an den Kollegen ?ausgeliehen? hatte: ?Wenn deine Software spinnt, Denise ist die Richtige.?
Vielen Dank für´s Vertrauen. Elende Hiwi-Sklaverei. Feldmeyers Software war Dreck. Die Karyotypendateien sollten Muster in u.a. mittels Fourier-Spektroskopie farbtypisierten Chromosomenpaaren von Kranken erkennen, für irgendeine blöde Brustkrebsstudie, mit der Feldmeyer sich bei den Medizinern anschleimen wollte. Aber mit den Programmen, die Feldmeyers ?Hausinformatiker? entwickelt hatte- ein hirnloser fünfundzwanzigjähriger Fettsack, der von sich behauptete, er habe ?das Hacker-Gen, ha ha ha!?- hätte man vermutlich nicht mal eine Kommode voll Socken sinnvoll nach Farben katalogisieren können.
Denise sog die moosige Luft ein und dachte an Axel. Sie hatte ihm immer gepredigt, er solle die Illusion aufgeben, all seine blöden Jobs, seine Lektortätigkeit für diesen Frankfurter Verlag, sein Übersetzen, und zuletzt: seine akademische Karriere als ?Philosoph? würden ihm irgendeine materielle Sicherheit einbringen, auf deren Ruhepolster er sich dann irgendwann ganz der Musik und dem Schreiben würde widmen können. Aber war sie´s denn soviel schlauer angegangen?
Gut, ihr Lebensfetisch Nummer eins war die Forschung, nicht das bißchen Baßspielen, aber war die Forschung, in der sie jetzt arbeitete, überhaupt die, nach der sie sich sehnte? Treib sie sich nicht genauso in der Warteschlaufe rum wie ihr Exfreund?
Nicht dran denken. Dem Wald zuhören. Very Zen. Denise schloß die Augen.
Wörter wie ?Tannhäuser? schienen im Hirn auf und verglommen süßlich seimend.
Sie öffnete die Augen, und da fiel vor ihr, vom Baum, ein Regen von-
Lametta?
Es leuchtete, regnete herab, aus der Krone einer Fichte.
Sie streckte die rechte Hand danach aus: kleine Fädchen fielen auf Handrücken und Arm. Bewegte sich das, diese kurzen Spaghetti? Das Leuchten mußte eine Täuschung sein: wie bei reflektierenden Schulranzenaufklebern, Fahrradspeichenleuchtplastik. Ein Trick des Morgenlichts, dachte Denise: in der Dämmerung sieht wahrscheinlich auch mein blonder Struwwelkopf aus, als leuchte er.
?Und du, du bist zu... verschissen blond!? sprach sie Axels Lieblingssatz aus ?Fight Club? nach, und mußte lachen. Denise drehte die Hand um, Innenfläche nach oben. Dann führte sie sich die Hand als Teller nah vor Augen. Was sich da wand und leuchtete, sah aus wie ein Gewimmel von Fadenwürmern, viel zu groß geratene Exemplare von Pristionchus pacificus oder Caenorhabditis elegans. Fasziniert und ein wenig angeekelt sah sie genauer hin. Sie leuchteten wirklich. Der Impuls, das Zeug abzuschütteln, das jetzt dichter vom Himmel- d.h., aus den Baumwipfeln- flockte, fast wie dicht schnürender Regen, überall um sie, war sehr stark. Aber Denise war Wissenschaftlerin, und deshalb holte sie mit der Linken aus der Brusttasche ihrer Jeansjacke das Plastikröhrchen mit den Kopfschmerztabletten, das sie seit dem Unfall immer bei sich trug, öffnete den Deckel, schüttelte die letzten zwei Tabletten raus- sie fielen zu Boden- , formte mit der rechten Handfläche eine Mulde als eine Art Schälchen und schüttete ein paar der Viecher in das Röhrchen. Verschloß es. Steckte es wieder in die Brusttasche, zu späterer Inspektion. Stieg auf ihr Rad, schüttelte den Kopf, fuhr sich durchs Haar: da sollten keine von den Viechern bleiben.
Strich sich auch die Schultern ab.
Und trat dann in die Pedale, hatte es fast eilig, zur ?Kirsche? zu kommen.
Vielleicht eilte sie sich deshalb so, weil sie, wie ihr überrascht aufging, plötzlich sogar Lust hatte, Axel zu treffen.
...
Copyright 2000 by Dietmar Dath