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10 Jahre Verbrecher Verlag
Von Jungle World Redaktion
 
10 Jahre Verbrecher Verlag

Vor einigen Wochen widmete uns die wunderbare Wochenzeitung Jungle World (www.jungle-world.com) eine Doppelseite. Wir dokumentieren hier alle Texte aus der Ausgabe, stellen allerdings noch den Beitrag von Sarah Schmidt hinzu, der von der Redaktion nicht mehr untergebracht werden konnte.




Ein Imperium schaut zurück
Nach über 20 Jahren im Geschäft beherrscht der Verbrecher Verlag den globalisierten Buch- und Medienmarkt. Die linksliberale Tageszeitung Jungle World gratuliert ihrem Mutterkonzern
Wer erinnert sich nicht gerne daran? Der britische Investor Montgomery wollte sich nach dem Erwerb des Berliner Verlags und des Holtzbrinck-Konzerns auf dem deutschen Medienmarkt etablieren und plante die feindliche Übernahme der Axel Springer AG, des Bertelsmann-Konzerns und der Wochenzeitung Jungle World. Es war das Jahr der Fußballweltmeisterschaft, bei der die deutsche Nationalmannschaft im eigenen Land in der Vorrunde nach einer verheerenden Niederlage gegen England aus dem Turnier ausschied. Die Stimmung im Land war am Boden. Der Geschäftsklimaindex sank auf das schlechteste Niveau seit Kriegsende. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte die Zahl von acht Millionen Arbeitslosen nicht mehr weiter mit der Zusammenlegung von Hartz IV und der Bahnhofsmission rechtfertigen und rief Neuwahlen aus.
"Das war unsere Chance", sagt Werner Labisch vom Verbrecher Verlag heute. "Wir hatten nichts, und ich weiß bis heute nicht, warum uns die Deutsche Bank seinerzeit den Milliardenkredit gewährt hat." "Unsere Finanziers haben eben an uns geglaubt", mischt sich Jörg Sundermeier ein. Zu Recht. Denn die beiden haben es geschafft. Ihrem Übernahmeangebot an Springer, Bertelsmann und diverse kleine Verlage und Zeitungen konnte Montgomery nichts entgegensetzen. Auch die Jungle World titelte jubelnd: "Wir ergeben uns", und verkaufte sich bereitwillig zu einem Spottpreis an die neuen Mediengiganten.

Victory
Ein bekannter Physiker hat einmal behauptet, er denke nie an die Zukunft, sie komme früh genug. Doch wer hätte 2005 gedacht, dass die Welt zehn Jahre später so aussehen wird wie heute? Damals, im Jahr 2006, wurde das riesige schwarze V, das heute als Firmenlogo bedrohlich über Berlin thront, auf dem goldenen Gebäude installiert.
Damals fand auch der Bürgerkrieg um die Neue Rechtschreibung sein Ende. Die Verbrecher taktierten geschickt, und es gelang ihnen mit überlegten Copy-Paste-Manövern einen undurchdringlichen Metapherndschungel zu schaffen, der nicht nur die Tropen überwucherte, sondern zu einem semantischen Overkill führte, der Umwortung aller Worte. Dem Springer-Verlag blieb keine andere Wahl, als sich zu fügen und seine Festung der Einseitigkeit aufzugeben. Auch den Bertelsmännern wurde bei der entscheidenden Wortschlacht auf dem Bielefeld die letzte Stilblüte entrissen.
Ich weiß noch, wie Werner Labisch und Jörg Sundermeier sich anschließend mit gespreiztem Zeige- und Mittelfinger zujubelten und schworen, nie wieder ein "aber" in ihren Büchern zuzulassen. Wie mir wurde auch vielen anderen bewusst, dass das Victory-Zeichen seit jeher im Grunde nichts anderes als "Verbrecher" bedeutet hatte und der Streich von langer Hand vorbereitet war. All die grinsenden Politiker-, Sportler- und Managerfratzen waren nichts anderes als bezahlte Werbung gewesen, Teil eines Marketingfeldzugs, der sich ins Unterbewusstsein der Öffentlichkeit gefressen hatte, lange bevor der Verlag überhaupt offiziell gegründet wurde. Und heute sitzen die beiden Verleger in ihrem großen Gefängnis und hüten unter allen erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen ihren Wortschatz.
Die Holzvertäfelung des ehemaligen Presse-Clubs im obersten Stockwerk der Konzernzentrale wurde übrigens für die Festschrift zum 20jährigen Bestehen des Verlagsimperiums pulpisiert.

Michael Zöllner
Der Autor leitet die Geschäfte des Tropen-Verlags.


Habe die Ehre
Österreich darf mitfeiern. Mitfeiern und mitnaschen. Am süßen Kuchen der Verbrecher. Wir sind auch mit den Krümeln zufrieden. Wir wissen, was wir an diesem Verlag haben, was wir diesem Verlag verdanken. Schließlich haben sie mit ihrer großzügigen Vergabe von Stipendien das österreichische Bildungswesen gerettet.
Doch viel zu selten lassen sich die Damen und Herren Verbrecher in ihrem privaten Anwesen am Wörthersee blicken. Mindestens einmal im Jahr sind sie alle dort versammelt. Sie und die anderen großen, wenngleich kleineren der deutschsprachigen Literatur. Nämlich genau zu deren Tagen, aus Anlass des Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Dann steigt in dem Anwesen der weiße Rauch empor, noch bevor alle Kandidaten ihre Texte vorgelesen haben. Man munkelt, dass die Preisvergabe mittlerweile eine abgesprochene Sache sei. Wir erinnern uns auch an die kritischen Stimmen, die da laut wurden, als der Verbrecher Verlag die Regel festlegte, dass jedes Jurymitglied einen der zwei Kandidaten aus den Reihen des Verbrecherkatalogs auszuwählen habe. Das ist eine überflüssige Kritik, schließlich sind die begnadetsten deutschsprachigen Autorinnen und Autoren seit Jahrzehnten ohnehin beim Verbrecher Verlag unter Vertrag, was nicht weiter verwunderlich ist, hat das Unternehmen doch mittlerweile mehr als 75 Prozent des deutschsprachigen Verlagswesens aufgekauft.
Manchmal denkt man in den Wiener Kaffeehäusern darüber nach, was denn wohl geschehen wäre, wenn Jörg Sundermeier, einer der beiden Verleger, seinerzeit nicht den Booker-Preis gewonnen und Werner Labisch, sein Kompagnon, nicht das mit einem Oscar gekrönte Drehbuch geschrieben hätte. Und was, wenn die beiden ihre Städtebücher nicht, mit billigsten GPS-Varianten und anderen Navigationssystemen ergänzt, an Tankstellen verkauft hätten? Das war die Grundlage für die großflächige Erschließung des osteuropäischen Markts, und es war nicht die geringste für den heutigen Status der Verbrecher als größtes unter den legalen Medienimperien des Westens.
Manchmal denkt man an österreichischen (Literatur-)Stammtischen leise darüber nach, ob das Unternehmen dann immer noch nur ein beliebter, unabhängiger Berliner Verlag wäre. Antworten findet man keine. Stattdessen sagen wir mit dem uns eigenen unterwürfigen Hofknicks: ?Dank sei dir, Verbrecher Verlag. Habe die Ehre.?

Zita Bereuter
Die Autorin ist Redakteurin des österreichischen Radiosenders FM 4.


Entgeltumwandler
Jemand hatte erzählt, der Verbrecher Verlag sei jetzt in die Entgeltumwandlerbranche eingestiegen, und so radelte ich eines schönen Tages nach Berlin - nicht ohne Frau und Kinder ein letztes Mal zu küssen, denn die Chance, lebend zurückzukehren, lag bei eins zu eins. Seit der Heraufsetzung des Pensionsalters auf 87 Jahre war der öffentliche Raum zwar frei von Grufties in Freizeitjacken, sodass die Rentenkassen saniert waren, aber die Herabsetzung des Arbeitslosenalters auf 43,5 Jahre hatte den gewerbsmäßigen Kannibalismus heftig gesteigert.
Anthologien wiesen mir den Weg in einen Kohlenkeller, da die oberen Stockwerke des Verlagshauses seit dem Tsunami von 2011 voller Kraken lagen, die die Nachfolge der münteferingschen Heuschrecken angetreten hatten. Sie wurden regelmäßig bewässert, damit sie nicht so stanken.
Mit einem Blick erkannte ich, dass die Verbrecher inzwischen sämtliche Orte über 20 000 Einwohner weltweit gecovert hatten. Labisch hielt einen Zettel gegen die trübe Karbidlampe. In der Ecke stand eine Handpresse. "Hallo, du Süßer!" sagte Sundermeier, ?was führt dich zu uns?" - "Geld", sagte ich. "Ich habe für 123 Anthologiebeiträge Honorar zu kriegen."
"Geld?" erwiderten sie angewidert. "Nimm das hier, dafür kriegst du alles, was du willst." Werner zog einmal kräftig am Arm der Druckmaschine und reichte mir einen Zettel. Es waren eindeutig Bierflaschenaufkleber.
"Und dafür kann ich mir was kaufen?" stammelte ich ungläubig. "Du wirst seh`n", sagte Jörg, "spätestens nächsten Herbst sind die Dinger das beliebteste Zahlungsmittel."
Das überzeugte mich. Ich ließ mir also ein Sortiment zusammenstellen und radelte zurück durch die schwarzen Spiegel. In Kleinkleckersdorf, wo man bei meiner Abreise noch mit alten Hosenknöpfen und Büroklammern gezahlt hatte, fielen meine sieben Kinder begeistert über die neuen Entgeltumwandler her. "Dafür kriegt man", rief meine Frau erregt und hielt einen Jever hoch, "locker einen halben bayerischen Schinken frisch in der Lederhose."
Da wusste ich, die Verbrecher waren doch ein guter Verlag, und froh verfasste ich noch in der Nacht eine Kurzgeschichte für das große Kartoffelsuppenbuch.

Peter O. Chotjewitz
Der Autor lehnte im Jahre 2010 den Literaturnobelpreis ab.


Kicker, 30. Oktober 2015
"Verbrechermillionen machen den Spielern Beine - Arminia Bielefeld gewinnt auch das letzte Gruppenspiel in der Champions League!"

Andreas Rüttenauer
Der Autor ist Chefredakteur des kicker, der seit fünf Jahren im Verbrecher Verlag erscheint.


Verbrechen lohnt sich immer
Der Verbrecher Verlag feiert seinen zehnten Geburtstag
Seit zehn Jahren produziert der Verbrecher Verlag "gute Bücher". Reich wurde er damit bislang nicht, doch seine Veröffentlichungen sind eine Bereicherung für die lesende Menschheit und gehören nach aller Voraussicht dereinst zum Weltkulturerbe. Nach der Gründung ihres Verlags ließen Jörg Sundermeier und Werner Labisch es erst einmal langsam angehen. Sie gaben ein Buch heraus und zogen es hinterher vor, vier Jahre lang Pause zu machen. Doch schon der Titel ihrer zweiten Publikation war Programm ("Installation Sieg"). Von da an ging es stetig aufwärts. Inzwischen umfasst das Verlagsprogramm Sachbücher, Belletristik, Avantgardecomics, Bildbände und T-Shirts. Auch der Markt der neuen Medien soll erobert werden. Inzwischen liegt die erste DVD vor. Die jede Woche in der Hauptstadt abgehaltenen "Verbrecherversammlungen" sind Höhepunkte des literarischen Underground. Hier treffen sich künftige Literaturnobelpreisträger, linke Weltverbesserer und Drogensüchtige. Das diesjährige Herbstprogramm besteht aus einem Button mit dem Firmenlogo.
Autoren und Freunde des Verlags gratulieren. Die Jungle World auch.


Im Erinnerlichen
Zehn Jahre Verbrecher Verlag, eine Dekade, zwei Lustren, man zerteile es, wie man mag - Jörg Sundermeier und Werner Labisch haben allen Grund, stolz auf sich und ihr kleines dressiertes Stinktier "Sergeant Straßburg" zu sein. Und auf ihren Verlag mehr oder weniger auch. Denn wer kennt sie nicht, die Namen, die Projekte: Thor Kunkels lyrisches Hauptwerk "Gesang vom Samenstrang", Carl Schmitts Limericks, das Lexikon nie heimgekehrter Kriegsgefangener, die dreibändige Walter-Ulbricht-Biographie, der Oberhemden-Atlas, "Ihr Herz ist in Gefahr" von Margarete Schreinemakers, die Thierse-Witze, Westerwelle-Epigramme, Müntefering-Oden, das Klebealbum für Vollautisten und vermischte Schriften von Jeff Foxworthy, Thomas von Aquin, Janet Jackson, Friedrich Schorlemmer, Hasso Grachtmaster, Jürgen Habermas, Klaus Berger, Senta Berger, Hans Moser, Fritz Walter, Richard Rorty, Bruno Batman, Ernst Jünger, Durs Grünbein, Ursula Depperle, Radovan Karadzic, Jean-Luc Godard, Schmoe Uebelbraeg, Bobby Darin, Aimee Mann, Michael Mann, Klaus Mann, Thomas Mann, Heinrich Mann, Hermann Hesse-Mann, Toni Morrison, Jim Morrison, Van Morrison, Morrison Morrison, Ennio Morricone, Sting, Gustave Flaubert, James Joyce, Nena, Goethe, Schiller, Hitler, Wehrmacht, Werwolf, Wollwams, Wurstbrot und Wahnsinn. Nichts von all diesem abscheulichen Allerweltsgeschmier hat man im Verlagspalast der Verbrecher jemals auch nur mit Sanitärhandschuhen angefasst. Aber mich gedruckt. Mich. Was für ein geschmackssicheres Haus.

Dietmar Dath
Der Autor ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


Sunderbar
Mit ihrem damaligen Optimismus und ihrem penetranten Interesse schafften Jörg Sundermeier und Werner Labisch es, mir ein Buch abzupressen. Es ist bis heute mein einziges und hoffentlich letztes. Alles, was der Dicke und der Dumme (wie sie gerne von ihren Autoren und Autorinnen in neckender Absicht genannt werden) anpackten, wurde zu Gold. Gold, das sie natürlich als reinste Form des Kapitalismus ablehnten. Sie redeten nicht nur, sie ließen Taten folgen. Schlag auf Schlag. Buch auf Buch. Bier um Bier. Geld erschien ihnen nicht wichtig, weder für sich selbst und noch weniger für die anderen.
Sie nahmen Einfluss auf die Bücher, indem sie politisch unkorrekte Dinge ändern ließen oder gleich ganz wegließen. Mehr und mehr bestimmte ihr Stil ("Berliner Schule") die Literaturlandschaft in Deutschland und veränderte alles von Grund auf. Dass das vielen suspekt erschien, störte die beiden nicht. Im Gegenteil.
Künstlerisch fest verankert im politisch zeitlosen Raum der achtziger Jahre, schauten sie dorthin, wo niemand hinsah, lasen, was keiner las, und taten intuitiv genau das Richtige.
Flankiert von Unerheblichem (ich), Wichtigem (Dietrich Kuhlbrodt), Richtigem (Wolfgang Müller) und Sinnvollem (Bielefeldbuch) gingen und gehen sie den holprigen Weg aller Verleger und Verlage. Einen guten und doch immer wieder steinigen Weg, der sie oftmals in das Nirwana der Literatur und des Erbrechens führte. Unzählige Gespräche mit Dichtern und Lesungen mit viel Alkohol, die im Augenblick nichts brachten außer Kopfschmerzen, stellten sich im Nachhinein als stilbildend heraus. Menschen zu ändern und sie glücklich zu machen, das haben sich die beiden auf ihre Bücherfahnen geschrieben. Was davon Realität und was pure Fiktion ist, wird man vielleicht erst in hunderttausend Jahren abschließend sagen können. Doch der Augenblick sei das, was für ihn zählt, so sagte mir Jörg einmal, und das genau ist es, was den Verbrecher Verlag ausmacht. Dieses ewige Festhalten an längst überwunden geglaubten Dogmen, Ritualen und Unwichtigkeiten, die keinerlei Auswirkungen auf das Weltgeschehen haben. Nächtelange Diskussionen, sich einmischen, sein Urteil zu diesem oder jenem abgeben. Auf alles und jeden wird gehört.
Ja, da ist der Verbrecher Verlag mit all seinen Unwägbarkeiten trotzdem oder gerade deswegen immer allen und jedem einen Schritt voraus. Worüber die beiden Verleger gar nicht gerne reden und was die wenigsten wissen:
Ihre eigenen Publikationen sind derart geschliffen und scharfsinnig, dass viele Autoren diese doch einmal zum Anlass nehmen sollten, über ihr eigenes Werk noch einmal nachzudenken und es gegebenenfalls komplett zu überarbeiten (Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer). In diesem Sinne, vielen Dank, Verbrecher Verlag!

Max Müller
Der Autor ist Sänger der Reggaeband Mutter.


Lebenslänglich
Da denkt man, sich mit "PapyRossa" im Grunde schon die Schlossallee unter den Verlagsnamen gesichert zu haben, ist`s darob fünf Jahre lang höchst zufrieden, und dann schlägt die Metropole plötzlich unvermittelt zurück. Erst haben wir überlegt, ob die nassforschen Newcomer vom Verbrecher Verlag nicht vielleicht doch einem Resozialisierungsprojekt der ganz besonders bodenlosen Art angehören, aber so ein feines und, nun ja, subtiles Programm in den Buchhandel zu bringen, trauten wir dem allgegenwärtigen Repressionsapparat dann doch nicht zu.
Was blieb uns also übrig, als frei nach dem steinalten Leitsatz zu verfahren: "Kannst du deine Feinde nicht besiegen, verbünde dich mit ihnen", zumal diese Emporkömmlinge plötzlich auch noch irgendwie mit dieser auflagenstarken Wochenzeitung seltsamen Namens im Verbund zu stehen schienen? Und die Kollegen Verleger mit dem martialischen Namen erwiesen sich als ausgesprochen nahkampferprobte Zeitgenossen, nicht bloß beim alljährlichen, inzwischen gemeinsam veranstalteten Sektenempfang in einer nicht ganz unbedeutenden süddeutschen Stadt, auf der linken Literaturmesse Nürnberg nämlich.
Feiern können die Brüder auch noch, dass es nur so eine Art hat. Dass sie uns in ihrem "Kölnbuch" kaltlächelnd ignoriert haben, geht allerdings gar nicht. Dafür gibt?s ein paar Jährchen auf Bewährung. Aber das kennen sie ja schon. Nichtsdestotrotz: Happy Birthday. Und drei Mal lebenslänglich!
Alex Feuerherdt
Der Autor ist Mitarbeiter des PapyRossa-Verlags.


Eternity
Hekatomben von a-ethischen beziehungsweise contramoralischen Verlagen sind seit e und je scharf darauf, dem Verbrecherverlag den Garaus zu machen. Der Verbrecherverlag hat aber da drauf keinsterlei Lust. Denn dem Verbrecherverlag sein Credo ist: Weder andere Verlage kaufen noch sich selber an andere Verlage verkaufen, sondern - eins bleiben mit sich in eternity. Aufgrunddessen ist der Verbrecherverlag einmalig in der Verlagslandschaft und muss sich persönlich überhaupt nicht sorgen, dass er das Jahr Twentyfivetwentyfive nicht überdauert. Im Gegenteil.

Horst Tomayer
Der Autor ist Autor für Konkret und WDR


Verbrecherin werden
Merkwürdig sind sie schon die beiden Herren Verbrecher. Der eine groß und blond, der andere mit dem ewig hüpfendem Bein. Gar nicht so, wie man sich Verleger vorstellt. Und genau das ist ihr Trick. Die Verbrecher kommen langsam daher. Machen uns Autoren gegenüber nicht den großen Zampano, sondern überzeugen mehr über die Bande. Nach ein paar gemeinsam verbrachten Trinkgelagen wird dem mit gutem Grund misstrauischem Autor langsam klar, dass die zwei wirklich nicht in erster Linie aufs Geld oder das eigene Renommee aus sind. Das sie tatsächlich keine Luftblase vorgaukeln, sondern Literatur lieben. Von ganzem Herzen. Das ist so erschreckend selten in der Branche, dass man es erst nicht glaubt und den wahren Grund sucht, warum sie das machen. Aber, nach weiteren Treffen wird es klar: Die meinen es genau so, wie sie sagen. Und das ist ihr größter Pluspunkt. Wenn man das verstanden hat, ist man fast automatisch süchtig nach dem Verbrecher Verlag. Wenn man dann vorsichtig ein bisschen tatsächliche Zusammenarbeit hinter sich hat, vielleicht in einem der Bezirksbücher veröffentlicht, findet man den zweiten Grund, warum die beiden so unwiderstehlich sind: Sie nehmen Autoren ernst. Und spätestens ab dem Punkt will man unbedingt auch Verbrecherin werden. Denn in diesem Verlag bekommt man das, was so selten geworden ist. Rückhalt, tatsächliche konstruktive Kritik, Unterstützung, hier kann man als Autor wachsen, muss nicht schnell schießen, um zu beweisen, dass man etwas kann oder um vom Verlag weiter unterstützt zu werden. Und wenn man, was jedem Schreiber passiert, in dem berühmten Loch hängt und nicht mehr denkt, dass man etwas zu schreiben hätte, dann trifft man sich auf ein weiteres Bier. Nach dem dritten ist man wieder überzeugt, denn wenn die beiden einmal an einen Autor glauben, wissen sie auch warum. Und können das auch noch sagen, ohne zu schleimen oder nur dumme Komplimente zu verschenken. Dann geht man betrunken nach Hause, überdenkt noch mal das Gesagte und spätestens am nächsten Morgen hat man den letzten Grund verstanden, warum man diesem merkwürdigen Verlag verfallen ist. Die beiden können Talent erkennen, wo man selber es nicht mehr sieht. Und das einfach so, ohne Hintergedanken, nur, weil sie eben selber süchtig sind nach guter Literatur und weil sie wissen, dass diese Zeit braucht, um wachsen zu können. Und das ist einfach großartig.

Sarah Schmidt
Die Autorin ist freie Autorin und begnadete Vorleserin