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Am blinden Ufer
Von Dietmar Dath
 
?Am blinden Ufer? ist ein Science Fiction-Roman über Meeresbiologie, Liebe, Topologie, Nutztierhaltung und Militarismus. Das Personal: Heldinnen und Feiglinge, Tote und Verletzte, Gelehrte und Verliebte, Menschen um die Dreißig und alte Haudegen. Das Buch greift auf die ?speculative fiction? der 70er Jahre des 20. Jhs. (Ellison, Delany, Moorcock) ebenso zurück wie auf Bilder und Chiffren des Horror-Stammvaters H.P. Lovecraft, die mathematischen Axiome der Geometrodynamik ergänzen die weniger exakten Ungleichungen der Sehnsucht, ein Ehebruch findet statt, das Meer ist eine konkrete Abstraktion und erschlägt am Ende ein paar sinnliche Gewissheiten, ohne die moderne Menschen angeblich nicht leben können.

Teil Eins:
Der Mann im Traum, der Mann im Leuchtturm

1 Eis

Rauhreif, Atemdampf.
Schneeblinde Welt.
Bäume am Hang standen schwarz, starr.
Kälte lähmte alles an dem Ort.
Die Zeit verging dennoch zu schnell.
C. schlug die Augen auf, unterm Eis, im Wasser.
Sie war noch nicht tot, er hätte also irgend etwas tun sollen. Er tat etwas; es war zu wenig. Hier sollte sie sterben. Ihr Gesicht unter dem weißblauen Eis schimmerte wie hinter Milchglas. Er sah die Luftblasen aus ihrer Nase, perlend viel zu viele kleine Luftblasen.
Stumm starb sein Name einen raschen Tod auf ihren blaßlila Lippen.
Letzte Splitter von Leben schwammen im gefrierenden Blut ihrer Lungen.
Bei den Nymphen, Nixen, Najaden im Wasser öffnete ein dunkler Schatten sein breites Froschmaul, der rief nach ihr und ihm, dann schloß er das Maul wieder. Das war der hungrige Gott: der Karpfengott. Ein anderer Gott schwebte hoch oben in der Luft. Das war der urteilende Gott: der Rabengott, der seine schwarzen Engel singen ließ das tausendstimmige Jubilo von Eisblumen, Schneeverwehungen und Gefrierfleisch. Der Raben- und der Karpfengott hatten untereinander beratschlagt. Ihr unabänderlicher Ratschluß lautete, daß dieser Wintertag ein Sterbetag sein sollte.
Die kleinen spitzen Blitze an den Enden von Schneekristallen feuerten wie Nervenimpulse im Sekundenbruchteilstakt ihr hartes Licht auf seine Netzhaut ab, ihm schwindelte von ihrem Glitzern. Nicht allein sein wunder Kopf, sondern sein ganzer Leib dachte an das lange Leben, das er mit ihr hatte leben wollen, für immer. Ein inneres Auge aber sah nun schon das Bild ihres Grabes. Er hörte vom Ufer her die Schreie und das Johlen der Freunde. Sie kreischten ein Entsetzen, das hier, auf dem Eis, zu groß war für seine Stimmbänder: er konnte nicht kreischen.
Er dachte: warum hilft keiner? Hilfe. Helft. Helft mir. Helft ihr.

Volker weinte, rutschte auf dem Eis, sah sie tiefer sinken. Noch einmal blickte er zum Ufer und erkannte, daß Andreas nicht bei den Freunden war. Andreas, den sie liebte. Nicht ihn, nicht Volker. Der haßte sich jetzt selbst, empfand wie nie vorher, daß er, gemessen an Andreas, wertlos war. Wäre Andreas da gewesen, hätte es eine Rettung gegeben. Wie die Heiligen, wie die Vorfahren in den Büchern wußte Andreas immer, was man tun mußte. Volker aber dachte nur lauter Dinge, die nichts halfen. Die Ziffern ihrer Telefonnummer fielen ihm ein: 8667. Das Wissen hätte ihn zerreißen sollen, daß sie nicht achtzehn Jahre alt werden und keine Kinder haben und keine Lieder mehr singen und keine Schminksachen mehr in die Schule mitnehmen würde. Aber das Wissen zerriß ihn nicht. Er kniete da, er lebte und sah zu, wie sie starb.
Er schaute aufs Eis, dann wiederum zum Ufer. Sah die Erwachsenen, die jetzt ganz langsam aus den Hütten und Häusern kamen, oben auf dem Berg. Sie trieben die Buphlonks zwischen den geduckten Gebäuden auseinander. Die schweren, zotteligen Tiere gerieten auch auf Zuruf und gescheucht von den Menschen nicht in ihre sprachlose Panik, sondern machten träge stampfend Platz für die geschwätzige Panik der Menschen.
Volker dachte an Schuld. Seine Schuld, daß sie unterm Eis schwamm, mit den Armen ruderte, mit den Beinen strampelte, Wirbel in das kalte, klare Wasser warf, nichts zu fassen bekam, alles Rettende erflehte vom Karpfengott unten und vom Rabengott oben. Seine Schuld, daß sie ihren Schal verloren hatte und er ihren Adamsapfel sah, ihren Kragen und ihre weiße Haut. Seine Schuld, daß er wußte, wie diese Haut roch.
Er mußte das Mädchen retten, weil es seine Schuld war, daß sie sich wand wie ein Wurm am Haken, während er das Froschmaul des Karpfengottes undeutlich dort unten sich wieder weiten sah und das Leuchten im Magen dieses Gottes der Tiefe. Dort, innen im Karpfengott, wurde eingeheizt, damit er sie würde kochen können, nachdem er sie verschlungen hatte.

Tod, dachte Volker: das darf nicht sein. Wenn man schon sterben muß, dann so wie in den Heldengeschichten: die heißen Winde des Todes in den Lungen. Von Kugeln durchsiebt vom Pferd fallen. Blut auf dem Sattel.
Daß es plötzliche Temperaturstürze mitten in der Hölle des Alltags gab, hatte er nicht gewußt. Der Junge schlug mit tauben, erfrorenen Fäusten auf die Eisdecke. Seine Knie brannten wie aufgeschnitten und mit Jod abgestrichen, seine Hoden waren zu harten Haselnüssen zusammengefroren. Dissonante Streicher schrillten im Innenohr.
Die Eisdecke dröhnte unter seinen Schlägen, sein Herz klopfte, es waren die Fußtritte meterhoher, tonnenschwerer Buphlonks. Sein Herz stotterte ein Gebet:

RABENGOTT
KARPFENGOTT
IHR VORFAHREN
DRÖHNT FÜR MICH, ERSCHÜTTERT DAS EIS
BRECHT ES AUF
UND DRÖHNT!

Höhnendes höchstes Hochamt des Rabengottes: hohl blasende Höhenwinde vom Himmel waren die einzige Antwort. Aus seiner Nase schnaubten Schübe von Dampf.
Aus ihrer Nase schäumten Luftbläschen und Blut.
Nie mehr ein Kuß für Menschen, nur noch für Fische und Frösche. Sie starb wirklich, und seine Fäuste zerbrachen am harten, viel zu festen Eis.
Das Fleisch ging in die Brüche.
Finger bröselten wie Keks, Knöchel barsten, Sehnen zersprangen wie zu fest gespannt, aber er spürte nichts, keinen Schmerz. Einmal blendete ihn das Weiße, einmal dachte er, er würde stürzen und in ein weiches Kissen, auf ein warmes Bett, oder auf einen Vorhang, auf weißen Stoff mit Spitzen fallen, in weiße Schleier, da würde er aufgebahrt liegen, da würden sie ihm Kerzen aufstellen. Einmal hörte er Glocken, große Glocken für die Totenmesse. Einmal dachte er, der Schnee sei Sand.
Ein Sandsturm, so dachte er, tobe um ihn, er war ein Reisender in der Wüste Zeit, sein letztes Wasser war verbraucht.

Nicht nur das Fleisch zerfiel durch die Berührung mit dem giftigen Eis, auch das Eis brach schließlich ein: sein andauerndes Einprügeln auf die harte Fläche schlug endlich einen Splitter heraus. Der schoß in die Höhe und drang in sein Auge, aber er blinzelte nur, sein Schmerzempfinden war längst tot. Die Haut war taub, das Herz erblindet.
Ihr Auge brach im hellen Licht, er krächzte, als wäre er der Sohn des Rabengottes. Der kleine Splitter Eis war zu wenig. Zu wenig, zu spät. Die Hände waren zu schwach, zu beschädigt, zuviele Finger fehlten schon.
Ich will statt dieser Hände eine Axt, das Eis zu zerbrechen, oder für meinen Schädel. Die ganze Alte Religion, schrieen die Engel des Rabengottes, war gelogen.
?Gelogen, gelogen,? lurchte es in dem Schlauch aus innen mit Schneematsch bestrichenem hartem Gummi, der sein Hals war. Der Junge wollte brüllen, es ging nicht. Er hatte das hier so gewollt. Das Loch im Eis, durch das sie ins kalte Wasser geglitten war, hatte er selbst verursacht, mit seinem bösen Blick.

Es war nicht sein ganzes Leben, was wie ein Film jetzt an ihm vorüberzog.
Er dachte bloß an den Morgen. Er hatte einen Bauern gesehen, heute früh, mit einem Buphlonk in Ledergeschirr. Der Bauer hatte das Tier einen Hügel hochgeführt, und auf dem Sattel des Buphlonks klebte etwas, das wie dunkelroter, fast schwarzer, getrockneter Traubensaft aussah. Vielleicht war das Blut gewesen. Die Augen des Buphlonks hatten die Farbe von Kastanien gehabt.

Das war alles, woran er sich erinnern konnte, als sein Leben ihm entglitt, und sie, im Wasser, wohl schon tot war.
Er kratzte am Packeispanzer mit den eingerissenen, bröckelnden Fingernägeln, aus denen das Blut in all dem Licht wunderschön hell hervorschoß. Er klapperte mit den Zähnen und biß sich in die Zunge.
Sie glotzte nur noch fischig zu ihm herauf. Die Luftbläschen waren sehr wenige geworden.

Er sah noch einmal zum Horizont, nicht in den knochenweiß-graublauen Himmel, nur dort ans Ufer hin, wo jetzt die Erwachsenen in ihren Pelzen, Fellen und Thermokleidungsstücken sich zu Trauben zusammenfanden, die Jugendlichen wegdrängten, die Buphlonks im Zaum hielten, daß die nicht aufs Eis liefen. Wie sie riefen, nach ihm winkten, er solle vom Eis runterkommen, er solle aufstehen und um sein Leben laufen, denn das des Mädchens, wußten alle, war verloren. Volker sah wieder nach unten, da fiel eine lange sandfarbene Haarsträhne vor sein Gesicht.

Es klirrte in seiner Brust, zerrte in seinen Waden und an seinen Armmuskeln. C. versank, wurde hinuntergerissen von Schatten als Strudeln und Strudeln als Schatten, schwarzem und smaragdgrünem Sog. Es gab sicher nasse Tote weiter unten, die warteten schon, warteten kühl. Da platzten feine Säckchen in seinem Bauch, rissen Drähte und Seile irgendwo in seinem Hals und hinten im Nacken. Ein Feuer schoß das Rückgrat hinauf in den Kopf, das war tosender als das Blut in seinen Ohren, und er sank hinunter aufs Eis und lag flach auf dem Bauch, die Beine und Arme von sich gestreckt.
Klar war das Eis.
Die Fingernägel kratzten noch, da brach ein weiterer Finger, es war der Zeigefinger seiner rechten Hand....
Copyright 1999 by Dietmar Dath