Gabi Bendfeldt
Nataša Kramberger
Aus dem Slowenischen von Liza Linde
Am frühen Ostersonntagmorgen geschah auf unserem Bauernhof ein seltenes Wunder. Zeitgleich blühten zwei alte, riesige Birnen auf, die weit in den Himmel ragen: die Hirschbirne und die Salzburger. Die Hirschbirne blüht für gewöhnlich später, diesmal jedoch hatten die Birnen sich auf die Minute genau aufeinander abgestimmt, zusammen mit allen anderen, viel jüngeren Birnbäumen, die wir vor fünf, sechs Jahren auf dem Bauernhof gepflanzt hatten: die Gute Luise, die Weinbirne, die Julischönheit, die Novemberbirne …
Am Dienstag darauf erreichte mich eine Nachricht, die diese enorme Blüteneintracht erklärte. Am frühen Ostersonntagmorgen, als ich aus dem Fenster schaute und die unbeschreibliche Schönheit bewunderte, die über Nacht das Licht der Welt erblickt hatte, war im Städtchen Neustadt in Holstein unerwartet Gabriela Bendfeldt gestorben, Gründerin und jahrelange Leiterin der Buchhandlung Buchstabe in der Hochtorstraße, einer der besten unabhängigen Buchhandlungen Deutschlands, mehrfach mit dem Deutschen Buchhandlungspreis und einmal sogar mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.
In was für einem Zusammenhang die blühenden Birnen im Jurovski Dol in Slowenien mit dem Tod der Buchhändlerin an der Ostsee stehen? In einem märchenhaften, lebenswichtigen. Alles, was ich euch über Gabi Bendfeldt erzählen kann, ist märchenhaft, vor allem aber lebenswichtig.
Als ich mit Liza Linde, meiner Freundin und großartigen Übersetzerin ins Deutsche, letztes Jahr Anfang Juni aus Neustadt abreiste, wollte Gabi, dass wir ihr etwas ins Gästebuch ihres – mit Büchern gefüllten – Hauses schreiben. Mich überkam eine dieser Eingebungen, die das Herz belebt und den Verstand schärft, ich trug Buntstifte, Filzstifte und Wachsmalfarben zusammen und begann zu malen.
Ich malte eine Tür, über der Tür einen Birnbaum, an dem blühende Kletterrosen ranken, und neben die Birne schrieb ich: Gabi. Am Abend zuvor, als wir in der Küche, in der Hans-Dieter Holtz, Gabis Partner und Gefährte auf allen möglichen Ebenen, hervorragend gekocht hatte, Witze klopften und über den Wahnsinn der Welt diskutierten, behauptete Gabi in einer ihrer unübertrefflichen Geschichten, die einzig mögliche Wiedergeburt, die sie sich wünschen und überhaupt akzeptieren würde, wäre die, ein Birnbaum zu werden. Nicht irgendeine Birne, sondern eine solche, die man an der Wand ihres wundervollen mehrstöckigen Hauses pflanzen würde, dort, neben der Eingangstür, damit sie sich darüber erstrecken, Früchte tragen und alle eintretenden Gäste begrüßen könnte, wenn sie (in menschlicher Form) nicht mehr ist. Nun. Und auch, damit sie alles im Blick haben würde. Wie immer. Wie Gabi eben.
Wisst ihr, über Gabi Bendfeldt müsste man in der Schule lernen, vor allem aber in Zeitungen lesen. In mein Leben ist sie im März 2022 getreten, als die Buchmesse Leipzig im letzten Augenblick wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde, was vor allem die unabhängigen Verlage schwer traf. Sie organisierten sich und veranstalteten statt der offiziellen eine alternative Pop-up-Messe im Werk 2.
Dort las ich auf einer Veranstaltung aus der deutschen Übersetzung meines Romans „Verfluchte Misteln“, der Übersetzung, die Liza Linde geschaffen hatte. Anderthalb Stunden Lesung auf Deutsch – ich wusste nicht, dass ich zu so etwas fähig bin. Anschließend kam eine entschlossene kurzhaarige Frau mit Brille auf mich zu. Sie sagte: „Das war nicht schlecht! Würden Sie auch in meiner Buchhandlung an der Ostsee lesen? Ja? Passt es Ihnen am 15. Mai?“
Abgemacht.
Was mich im Norden erwartete, übertraf alle Vorstellungen von einer guten Buchhandlung, vor allem aber von einer guten Buchhändlerin. Gabi Bendfeldt hatte zu dem Leseabend mit mir, einer obskuren Autorin aus dem winzigen Slowenien, die kam, um ihr erstes Buch in deutscher Übersetzung vorzustellen, eine ganze Buchhandlung voller Leute eingeladen. Nicht irgendwelcher Leute. Menschen, die Gabi für mein Buch begeistert hatte, weil sie wusste, wer diejenigen waren, die sich für so ein Buch interessieren könnten. Bäuerinnen, Naturschützer, Gärtner, Köchinnen und Intellektuelle. Und sogar einen Freund, der Slowenien regelmäßig besuchte, und extra für den Abend eine Potica mit Estragon gebacken hatte! Das Buchsignieren nach der Lesung dauerte mehr als zwei Stunden. Zwei Stunden! Es war wundervoll.
Gabi hatte eine Regel. Kein Autor war mehr als einmal in der Buchhandlung zu Gast. Für immer und ewig werde ich zu den größten Erfolgen meiner Karriere zählen, dass ich bei Gabi Bendfeldt zweimal gelesen habe. Ich durfte wiederkommen. Nun ja. In Wahrheit war beim zweiten Mal die Hauptgästin Liza, ich bin nur mitgekommen, als ihre Begleitung. Das Warum und Wieso dieser Ausnahme werden Gabi und ich für uns behalten. Was ich aber erzählen darf und muss, ist, dass dies geschah, weil Gabi ein Herz hatte, das verstand, wann man eine Ausnahme machen muss, damit eine notwendige zweite Chance gegeben werden kann. Solidarität.
In den Tagen, bevor ich von ihrem Tod erfuhr, hatte ich mehrfach mit erwachsenen Männern gestritten, die (nach dem Vorbild der Entwicklungen in Deutschland) behaupteten, die Wehrpflicht sei etwas Gutes. „Das brauchen junge Männer heutzutage“, beteuerten sie. Als ich sie fragte, was genau sie brauchten, begrenzte sich die Antwort auf: „Sie lernen Disziplin.“ Ich erklärte mir das so, dass sie lernen aufzustehen, wenn der Wecker klingelt, und das Klo zu putzen, statt dass ihre Mütter oder Freundinnen das machen.
Heute ist mein Geburtstag und diese Kolumne widme ich in tiefer Trauer meiner außergewöhnlichen Freundin Gabi Bendfeldt, in dem Wunsch, dass alle, die so fieberhaft die Wehrpflicht fordern, stattdessen lieber den Pflichtbesuch von Buchhandlungen befürworten würden, und von blühenden Frauen-Birnen, wie Gabi eine war. Sie ist nie in den Urlaub gefahren, sondern hat sich jeden Mai und Juni freigenommen, um für ihren Garten zu sorgen. Wenn es überhaupt irgendeine Pflicht geben sollte, dann müsste es ein zweimonatiges Gärtnern mit Gabi sein. Keine militärische Disziplin, sondern liebevolle Fürsorge. Das, glaube ich, brauchen junge Männer heute. Junge Frauen. Und alle, die wir noch da sind.
(Die Kolumne erschien am 14. April 2026 in der Tageszeitung Dnevnik.)
