15. Mai

„Entnazifizierung reicht nicht!“ Robert Stadlober liest Christian Geisslers Roman „Anfrage“

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Literaturhaus Halle
15. Mai 2023
19:00

„Wo waren Sie am 10. Oktober 1941, nachts?“ – so konkret stellt Geisslers Protagonist Klaus Köhler die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen. In dieser Nacht wurde die Familie Valentin abgeholt. Christian Geissler erzählt in seinem Roman aus dem Jahr 1960 von einer jüdischen Familie vom Jahr 1923 bis zu ihrer Deportation, vom nicht-jüdischen Gärtner, der ihr Freund war, der sie erst beruhigt und dann zugeschaut hat, einem jüdischen Verwandten aus Amerika, der sich gerne das Haus der Familie ansehen möchte und von einem jungen Soldaten, der kurz vor Kriegsende noch sein Bein verloren hat, sich aber nicht für ein Einzelschicksal interessiert. Im Zentrum steht der junge Klaus Köhler, der wissen will, wie das alles geschehen konnte, wer Verantwortung übernimmt und welche Lehren daraus gezogen werden. Dabei erlebt er, wie im Amt für Wiedergutmachung Hitlers Geburtstag gefeiert wird, ein Abgeordneter und Unternehmer meint, die Juden seien doch selbst schuld gewesen und eine alte Heimatvertriebene über „russische Banditen“ und „polnisches Gesindel“ klagt. Am Ende geht Köhler einem der Täter an die Gurgel.

Doch die Täter aus dem Verkehr zu ziehen reicht nicht aus. Ein wirksamer Antifaschismus muss an den Strukturen ansetzen, die immer wieder neue Täter und ihre Ideologien hervorbringen. Geissler betrachtet den Nationalsozialismus nicht als Betriebsunfall 1933 -1945, sondern schlägt in seinem Roman den Bogen von 1923 bis 1958. Welchen Nerv hat er getroffen, dass sein Debüt in neun Sprachen übersetzt und auch in der DDR gedruckt wurde? Kann der Roman heute noch etwas zu einer wirksamen Erinnerungskultur beitragen?

 

Einführung: Detlef Grumbach

Christian Geissler (1928–2008) war Autor von Romanen, Hörspielen, Gedichten und Fernsehspielen, außerdem hat er zahlreiche Dokumentarfilme für den NDR gedreht. Sein Debüt „Anfrage“ macht ihn auf einen Schlag bekannt – schnell wird er zum Aktivisten und Kundgebungsredner der Bewegung gegen Wiederbewaffnung und Atomtod. In seinen weiteren Romanen fragt er danach, wie Menschen dazu gebracht werden, ihre eigene Entrechtung zuzulassen. In den 1970er Jahren wird er zum kritischen Begleiter des politischen Widerstands. In seinen letzten Büchern – „Wildwechsel mit Gleisanschluss“ (1996) und „Ein Kind essen“ (2001) – zeichnete er das düstere Bild einer Gesellschaft, die ihre Grenzen abschottet und Jagd auf Flüchtlinge macht, in der ein Elternpaar alles gibt, um den Kredit bei der Bank abzustottern und dabei nicht bemerkt, wie das eigene Kind vor die Hunde geht.

Robert Stadlober ist Schauspieler und bekannt aus zahlreichen Rollen in Kino- und Fernsehfilmen. Außerdem geht er nach seinem Stefan-Heym-Programm jetzt mit einer Kurt-Tucholsky-Revue auf Tour.

Detlef Grumbach ist Journalist und Vorsitzender der Christian-Geissler-Gesellschaft e.V.