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| Die Scherben in Scherben? | |
| Von Wolfgang Seidel | |
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| Wolfgang Seidel, 56, ist Kreuzberger, erster Schlagzeuger und Mitgründer der Politrockband Ton Steine Scherben, die sich vor 35 Jahren gegründet hat. Seidel, der sein Geld sonst als Grafiker verdient, hat vor kurzem das Buch "Scherben. Musik und Politik - Die Wirkung der Ton Steine Scherben." herausgegeben, mit dem er der Entpolitisierung der Band entgegentreten will. Interview: Mirko Heinemann, Falko Müller 15 Jahre nach dem Ende von Ton Steine Scherben: Wer von den alten Scherben-Leuten ist sich am ehesten treu geblieben: Nikel Pallat als Chef des alternativen Musikvertriebs Indigo, Claudia Roth als Grünen-Chefin oder Ihr Nachfolger am Schlagzeug, Funky Götzner, der Versicherungen verkauft? Das beste Beispiel für jemanden, der konsequent geblieben ist, wäre wohl Nikel Pallat. Sein Plattenvertrieb Indigo ist ein Versuch, die Idee eines eigenen selbstbestimmten Labels fortzusetzen, wie das auch bei den Scherben war. Versicherungsvertreter haben vielleicht nicht den besten Leumund, aber was ist daran schlimmer als an anderen Jobs? Irgendwie müssen die Bandmitglieder sehen, wie sie über die Runden kommen. Ich auch - also habe ich da niemanden zu bewerten. Hört sich so an, als sei es für die meisten die Zeit bei den Scherben nicht so der Karrieresprungbrett gewesen zu sein. Die Bandmitglieder, die bis zum Schluss dabei waren, haben das Problem, dass der Traum vom selbstbestimmten Leben von dieser Gesellschaft nicht honoriert wird. Und das Scheitern wird dann gerne dazu benutzt, die Idee als Ganzes für gescheitert zu erklären, anstatt zu sehen, wie wichtig solche Versuche sind. Das Buch "Scherben", das Sie jetzt herausgegeben haben, sieht den Ton Steine Scherben-Kult recht kritisch. Sind Sie für die anderen ein Quertreiber? Wir sind da nicht unbedingt immer derselben Meinung. Aber der Kult, der da stattfindet, ist ja kein Scherben-Kult, sondern ein Rio-Reiser-Kult. Das Kollektiv wird an den Rand gedrängt zu Gunsten einer Personalisierung. Das geht vor allem von Rio Reisers Familie aus, die haben mit Rockmusik gar nichts im Sinn, sondern schielen auf eine bildungsbürgerliche Anerkennung und versuchen eine Art romantische Dichterfigur aus ihm zu machen. Wie äußert sich das? Zum Beispiel in der Ausstellung von Rios Totenmaske, mit der man ihn in eine Reihe stellen will mit anderen großen Deutschen - von Goethe bis Nietzsche. Der Wunsch, gerade dort Anerkennung zu suchen, wogegen sich die Scherben wandten, äußert sich auch im von der Rio-Reiser-Stiftung veranstalteten Rio-Reiser-Songpreis, der 2001 unter dem Motto stand: "Besingt die Heimat". Und wenn man Heimat ruft, kriegt man auch die passenden Freunde. Den darauf folgenden Songpreis sponserte der Verein Deutsche Sprache. Der kommt ansonsten gerne mit populistischen Forderungen gegen die Überfremdung deutscher Kultur daher - mit Argumenten, die auch am rechten Rand vertreten werden. Gleichzeitig trägt ihr Buch ebenfalls zum Kult bei. Warum war es für Sie wichtig, es herauszubringen? So ist der Kapitalismus. Auch Kritik wird zur Ware. Dieses Problem zieht sich durch die ganze Scherben-Geschichte. Soll man deswegen schweigen? Bei mir ist da mit der Zeit ein persönlicher Ärger über die Instrumentalisierung der Band entstanden. Claudia Roth ist da ja noch die Lachnummer, wenn sie alte Scherben-Nummern wie eine Art Karnevalsmusik bei Grünen-Parteitagen laufen lässt, während ihre Politik die Leute diszipliniert, die so leben wollen, wie es in den Songs gefordert wird. Nachdenklicher macht mich aber, wenn Nena und Joachim Witt jetzt Scherben-Songs covern. Warum? In einem frühen Interview sagten die Scherben, dass sie Volkslieder machen wollen, weil Volkslieder ein revolutionäres Moment sein können. Das mit den Volksliedern scheint geklappt zu haben. Wo aber ist das revolutionäre Moment geblieben? Ein weiterer Anlass war, als ich zum Berliner Wahlkampf einen Bericht über eine NPD-Veranstaltung sah, wo sie Scherben-Songs spielten. Die übernehmen die Lieder eins zu eins, und das ist keine Ausnahme. Da stellt sich schon die Frage, wie so etwas geht. Es geht um die kämpferische Protesthaltung. Es gibt eine breit angelegte, gut durchdachte und in Teilen erfolgreiche Strategie auf der Rechten, linke Symbolik und einen Teil linker Argumentation oberflächlich zu übernehmen. Aus Palästinensertuch und Che-Guevara-Shirt wird völkischer Antikapitalismus. Dass manche Textstelle der Scherben und die manchmal simple Einteilung der Welt in Gut und Böse, Wir und Die, diese Vereinnahmung möglich macht, ist ein anderes Problem. Wenn ich das heute kritisiere dann nicht, um zu sagen, wie dämlich wir waren. Hätte man damals darauf kommen können? Die Scherben hatten kein Vorbild - man konnte nur aus den eigenen Fehlern lernen. Sich jetzt damit zu beschäftigen ist nur interessant, wenn es um die Frage geht, wie heute Musik einen emanzipatorischen Anspruch formulieren kann. Der Scherben-Songtitel "Keine Macht für Niemand" ist im gesamten politischen Lager zitierfähig geworden? "und als der 'Spiegel' diese Zeile kürzlich sogar auf einen Titel zum Thema Wahlausgang brachte, hätte ich am liebsten einen Leserbrief geschrieben, um daran zu erinnern, dass der Text noch weitergeht. Die weiteren Zeilen passen ironischerweise auch sehr gut zum Wahlergebnis: "Ich bin nur frei zu wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen." Da frage ich mich, wie Claudia Roth, die ihre Managertätigkeit für die "Scherben" zwecks Street-Credibility ja immer noch gerne vor sich herträgt, ihre Lebenspraxis mit diesen Zeilen in Einklang bringen will. Vielleicht hört sich Frau Roth ja nur noch die Refrains an. Wie ist denn Ihre Sicht auf die Scherben, von heute aus gesehen? Meine Wahrnehmung ist, dass Stücke wie "Warum geht es mir so dreckig" wieder Aktualität gewinnen. Oder das Stück "Sklavenhändler". Das war kein Song für die Generation Golf. Aber vielleicht für die jetzige Generation Praktikum, die in prekären Arbeitsverhältnissen steckt und noch schlechter dran ist als diejenigen, für die der Song ursprünglich gemeint war. Sie beklagen, dass Ton Steine Scherben entpolitisiert werden. Aber warum geschieht das überhaupt? Jetzt, wo die deutsche Musik über Quotenforderungen gepusht werden soll, wo man eine nationale Popidentität haben will, braucht man auch einen nationalen Pop-Stammbaum. Aber da ist nicht viel: Der deutsche Schlager taugt nicht richtig fürs Feuilleton, ansonsten gibt es nur noch die Liedermacher. Jetzt sollen die Scherben plötzlich als Stammväter der deutschen Rockmusik dastehen. Diese Rolle hatte jahrelang Udo Lindenberg. Jetzt sind die Scherben dran. Offenbar eignet sich ihre Musik besser, da sie zwar ein Unbehagen an der Gesellschaft artikuliert haben, aber gleichzeitig Geschichte sind - oder, wie die Frankfurter Allgemeine kürzlich schrieb: nur noch reine Poesie. Im Buch steht sinngemäß, dass alles, was im Kapitalismus produziert wird, diesen stärker macht - auch Musik, die ihn abschaffen will, also die Scherben. Wäre es besser, es hätte die Scherben nicht gegeben? Dann gäbe es gleichzeitig auch die heutige Instrumentalisierung nicht. Der erste Fernsehauftritt der Scherben endete mit dem Kommentar des Moderators, dass der Kapitalismus auch die Lieder verkauft, die zu seiner Abschaffung aufrufen. Das ist die alte Frage vom richtigen Leben im falschen. Wäre die Antwort nur, dies sei unmöglich, wäre das eine trostlose Perspektive. Da könnte man gleich die Hände in den Schoß legen. So ist der Satz sicher nicht gemeint. Und wie ist er gemeint? Der Versuch, die Utopie vom selbstbestimmten Leben ein stückweit zu verwirklichen, bringt wichtige Erfahrungen für eine zukünftige Gesellschaft. Auch wenn er unter den herrschenden Bedingungen nur begrenzte Zeit funktionieren kann und es im Moment so aussieht, als würde die Gegenseite mehr davon profitieren. Die hat aus der Selbstbestimmung die Ich-AG gemacht. In den ersten Jahren hat es ja funktioniert mit den Scherben - solange die Musik und die Praxis der Band eine Einheit waren. Funktioniert: Was meinen Sie damit? Die Scherben hatten zwei Ziele: denen eine Stimme geben, die sonst keine haben. Und zweitens deutlich zu sagen, dass ein menschliches Leben mehr ist, als sein wirtschaftlicher Nutzen. Daraus folgte auch der Konsens: Musik und Kommerz gehören nicht zusammen. Die Musik der Scherben hat sich als Propaganda verstanden, deshalb haben wir auch Flexidiscs gemacht, die wie Flugblätter verteilt wurden. Konzerte sollten daher immer an Aktionen gebunden sein, zum Beispiel bei den ersten Hausbesetzungen - Freiräume, in denen man ohne Bevormundung zusammen kommen konnte. Damals bedeutete Freizeit auch frei von kommerziellen Zwängen zu sein, also keine teuren Getränke oder Konzertpreise. Damit kamen die Scherben aber ganz schnell in die Zwickmühle zwischen den von ihnen selber lautstark artikulierten Ansprüchen und der Frage "wovon leben?". Geld war so nicht zu verdienen. Ein Widerspruch, der auch mit dem Versuch, sich als normale Rockband neu zu erfinden, nicht zu lösen war. So einfach wurde man die eigene Geschichte nicht los. Welche Rolle hat denn Rio damals eigentlich gespielt? Gerade Rio nahm dieses "den Sprachlosen eine Stimme geben" in den frühen Jahren der Scherben sehr ernst. Nicht als "zu ihnen herunter beugen". In der Zeit, als die Scherben noch Teil des Lehrlingstheaters "Rote Steine" waren, lebte er mit denen zusammen. Auch in der Wohngemeinschaft der Scherben war er es, der allen die Tür offen hielt, niemanden nach seinem Nutzen beurteilte. Da war er viel konsequenter, als ich es zum Beispiel war. So ein Leben ließ sich aber nur begrenzt durchhalten. Das Ende war dann die Flucht in die ländliche Abgeschiedenheit. Die Textzeile "ich habe nichts, du hast nichts, lass uns was draus machen" war das Motto dieser Zeit. Nichts haben ist allerdings der Gesundheit nicht sehr zuträglich... Sie sagten, die gesellschaftliche Lage sei heute eher noch schlimmer als Anfang der 70er Jahre. Warum gibt es heute dennoch deutlich weniger politische Aktion? Die Lage ist heute nicht dieselbe. Verglichen mit der heutigen Situation waren es damals im nachhinein gesehen Wohlstandsprobleme - der Protest richtete sich damals unter anderem gegen den schnöden Arbeitsalltag, den heute manche gerne hätten, weil sie arbeitslos sind. Wer damals in einem Betrieb arbeitete, war nicht vereinzelt. Das ist heute ganz anders, weil immer mehr Menschen komplett aus den Strukturen rausfallen. Früher hatten Kleinbürger Angst, ins Proletariat abzurutschen. Die Generation Pop, die zur Zeit der Neuen Medien und der Internetblase noch dachte, die Zukunft ist golden, sieht sich in einer Situation, dass sie am Proletariat vorbei rutscht - ins Prekariat. Das drückt sich auch im neuen Pop aus, wo sich zwar alle gern auf die Scherben berufen, gleichzeitig aber Texte vorherrschen, die auf eine geile Zeit zurückblicken, die vergangen ist. Oder in denen ganz ängstlich gesagt wird: Wir sind gekommen, um zu bleiben, wie das bei Wir sind Helden zu hören ist. Wer sind denn die würdigen Scherben-Erben? Wir sind Helden ja offensichtlich nicht. Es geht dabei nicht darum, Zensuren zu verteilen. Zumal diese Bands selber gar nicht den Anspruch haben, politische Musik zu machen - obwohl sie gerne die Scherben als eines ihrer Vorbilder nennen, die mit den Wendungen ihrer 15jährigen Bandgeschichte als Projektionsfläche für ziemlich widersprüchliche Aussagen taugen. Ein Thema ist das nur, weil es eine gesellschaftliche Stimmungslage abbildet. Welche Stimmungslage meinen Sie? Ich kann das nur auf dem Hintergrund einer allgemeinen Verunsicherung sehen von Leuten, die einer gesellschaftlichen Schicht entstammen, wo man sich in den letzten dreißig Jahren sicher war, dass es immer nur bergauf gehen kann, denen es jetzt auch noch ganz gut geht, wo aber die Angst wächst: wie lange noch? Diese Angst ist der Motor des neuen Konservatvismus, wo man sich nicht mehr eine bessere Zukunft durch Rebellion erhofft sondern durch Unterwerfung. Dschungelcamp und Castingshows, in denen sich die Aspiranten vorführen lassen, sind da der passende popkulturelle Ausdruck. Aber zurück zum Ausgangspunkt: Wer sind die Scherben-Erben? Von den aktuellen Bands finde ich schon eher das Konzept der Goldenen Zitronen, deren Etikett "letzte linksradikale Band" einiges über die deutsche Pop-Landschaft sagt, oder das Schwabingrad Ballett interessant - dieses Verstörende. Was verstörend ist, wiegt mich nicht in Sicherheit, dass alles so bleiben wird wie es ist. Politische Musik muss immer ein Stolperstein sein, sowohl auf musikalischer als auch auf sprachlicher Ebene. Wolfgang Seidel: "Scherben" (Ventil Verlag, Mainz, 256 Seiten, 14,90 Euro) Wolfgang Seidel las gemeinsam mit Ted Gaier am 10. Januar 2006 in einer Verbrecherversammlung im Festsaal Kreuzberg aus dem Buch. Interview zuerst erschienen in Zitty vom 05.01.06. |
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